Ny-Ålesund

Nach über einer Woche am Anker mal wieder ein Liegeplatz am Steg und mit Menschen drumherum. Ny-Ålesund hat, genau wie Longyearbyen, eine Vergangenheit als Kohleabbau-Siedlung, war dann jahrelang eine verlassene Geisterstadt und wurde ab 1966 von Polarforschern entdeckt. Der ganze Ort gehört heute dem Unternehmen Kings Bay AS, das vom norwegischen Staat beauftragt ist, die Wissenschaft organisatorisch zu unterstützen. Denn mit der Zeit haben immer mehr Länder hier Forschungsstationen errichtet. Am auffälligsten ist die der Chinesen, wegen der zwei scheußlichen Marmorlöwen vor der Tür. Gleich beim Hafen informieren Schilder, dass dies ein „Radio silent settlement“ ist: kein Handyempfang, kein WiFi, kein Bluetooth, und alle Devices müssen im Flugmodus sein, um keine sensiblen Messungen zu stören. Aus dem gleichen Grund (und wegen der brütenden Vögel) darf man die Wege nicht verlassen. Circa 40 Menschen leben ganzjährig in der nördlichsten festen Siedlung der Welt, im Sommer, wenn die Gastforscher kommen, sind es bis zu 180. Es geht beschaulich zu: Inmitten der Ansammlung einfacher Häuser gibt es ein sehr informatives Museum, das immer geöffnet und gratis zugänglich ist, und einen Souvenirladen, der öffnet, wenn ein Cruiseship kommt. Kaufen kann man hier sonst nichts, nicht mal Lebensmittel, denn die Wissenschaftler werden zentral in der Messe bekocht und versorgt.

Nahebei schaut Roald Amundsen in Bronze ernst in die Landschaft und hinüber zu dem großen Metallmast etwas außerhalb. Hier war einst sein Luftschiff „Norge“ festgemacht, mit dem er 1926 über den Nordpol flog. Ansonsten gibt es für uns Besucher noch die Überreste der verlassenen Minen in der Umgebung zu sehen. Wer länger in Ny-Ålesund lebt und forscht, ist Mitglied im Verein „Velferden“, der sich um Freizeitangebote wie Hütten- und Kajaktouren kümmert – und am Samstag den Mellageret Pub betreibt. Auch unsere Ankunft zum Wochenende ist kein reiner Zufall, denn Segler sind den Wissenschaftlern herzlich willkommen, außer uns laufen noch die „Lumina“, „Barba“ und „Just fine too“ ein. Der Pub ist eigen, ein grob gezimmertes Holzhaus mit Bar, verdunkelten Fenstern und Flackerlicht. Alle Getränke kosten einheitlich 25 NOK (= 2,23 Euro) und bezahlt wird mit speziellen Coins, die man in beliebiger Menge kaufen und bevorraten kann. Es ist ein lustiger, lebendiger multikultureller Haufen, der hier feiert und bester Stimmung ist. Die einen erzählen vom Boatlife, die anderen über die laufende Untersuchung der Bewegungsmuster von Plankton bei steigender Wassertemperatur. Irgendwann wird vor allem getanzt, eine völlig verrückte, betrunkene Sockenparty bis 2 Uhr morgens, da schließt der Pub am Ende der Welt und wir wanken im gleißenden Mitternachtssonnenlicht zurück zum Schiff.

Gleich gegenüber von Ny-Ålesund, nur zweieinhalb Seemeilen entfernt in Sichtweite, liegt London mit der hübschen Bucht Piersonhamna. Dort fällt als nächstes der Anker. Ausnahmsweise wurde auf der Insel nicht Kohle abgebaut, sondern ein britischer Abenteurer namens Ernest Mansfield hat es mit Marmor versucht. Leider hatte der Permafrost dem Gestein so zugesetzt, dass in der Heimat nur Gebrösel ankam. Ende des Unternehmens, dessen Reste aber noch zu bewundern sind. Wir finden London vor allem landschaftlich traumhaft, unternehmen in jede Küstenrichtung eine lange Wanderung. Ja, genau, unsere Landausflüge werden länger, die Angespanntheit währenddessen geringer. Mutige Polarforscher sind wir ganz sicher nicht, aber auch keine totalen Feiglinge mehr. Wir haben uns an Mausi gewöhnt und all das andere Geraffel, das mitgeschleppt werden muss, an regelmäßige Rundumblicke, strategisch kluge Routenwahl und die Erleichterung, am Schluss das Dinghi unangenagt vorzufinden. Läuft!

Ludger
Juli 20th, 2023 at 8:30 am

In welch so völlig andere Lebenswelten ihr da eintaucht – sehr faszinierend! Da kommt einem der Wellerman sofort in den Sinn, der dort sicherlich eine Bedeutung hätte – wenn er nicht nur Touristen bringen würden… Herzliche Grüße vom Schreibtisch, Ludger

Svenja
Juli 19th, 2023 at 10:36 pm

Wie verrückt ist das denn, die nördlichste Siedlung mit erzwungenem digital detox, außer Souveniers (sofern gerade ein Kreuzfahrtschiff dort liegt) nichts zu kaufen, aber die Chinesen schleppen 2 Marmorlöwen dahin. Da entsteht bei mir im Kopf gerade ein etwas irres Bild, wie es dort aussehen könnte. Bin gespannt später eure Fotos zu diesem Stopp zu sehen 😁.

Sehr sympathisch, dass dort am Wochenende ein Pub mit extrem zivilen Preisen öffnet und viele zusammen kommen, um einfach eine gute Zeit zu haben. Skål!

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