Zwischen Frost und Rost

Voller Einsatz im Winterlager 2012/13 – und danach



T03_B01_klFlying Fish überwintert bei der Heijsman Werft in Stavoren auf dem Trockenen und im März 2013 ist es allerhöchste Zeit, unser Schiff fit für die Saison zu machen. Sämtliche Wind- und Wettergötter sind da komplett anderer Ansicht und so werden wir Meister darin, jede Pause zwischen zwei Schneeschauern schnell für ein paar Außenarbeiten zu nutzen, in Rekordgeschwindigkeit Werkzeuge und Schleifmaterialien ein- und auszupacken und bei Niederschlag immer wieder flexibel zu Innenarbeiten oder Beratungen über das weitere Vorgehen zu wechseln. Angezogen wie Michelin-Männchen trotzen wir dem eisigen Wind, der wochenlang kräftig aus Osten weht. Osten – die einzige Richtung, aus der Flying Fish vollkommen ungeschützt ist.



T03_B02_klZu Beginn widmen wir uns dem Unterwasserschiff. Auf das Abkratzen des alten Antifoulings folgt unsere erste Begegnung mit Aluminium-Primer. Beeindruckend: weil wir den Primer nicht aus dem großen, vollen Eimer mit Schwung in die Farbschale schütten wollen, benutzen wir eine dünne Plastiktasse zum Umfüllen. Als wir diesen Vorgang nach einer halben Stunde wiederholen wollen, ist von der Tasse nur noch der Rand da – einfach weggeätzt! Wir nehmen die für uns neuen Produkte fortan etwas ernster. Das Wetter soll ab dem folgenden Tag noch fieser werden und so hauen wir richtig rein. Die letzten Lücken im neuen Antifouling rollen wir bei einbrechender Dunkelheit auf das Unterwasserschiff und haben am Schluss das Gefühl, dass uns die Finger in den Skihandschuhen längst abgefroren sind. Was sind noch mal Behaglichkeit und Wärme? Nur die kurzen Aufenthalte im Pausenraum der Werft und deren immer eingeschaltete Kaffeemaschine lassen uns dies gelegentlich erinnern.

 

Als nächstes geht es dem Bilgen-Rost in Salon, Vorschiff und Ankerkasten an den Kragen. Deren Zustand war einer der gravierendsten Kritikpunkte des Gutachters im letzten Jahr. „Stahlschiffe rosten immer von innen nach außen durch“, warnte er uns. Den Holzboden in Salon und Vorschiff lassen wir von einem Profi herausnehmen, überarbeiten und später wieder einpassen, das selbst zu tun scheint uns zu riskant, wir möchten auf jeden Fall den alten Original-Boden behalten. In den folgenden Tagen stellen wir nach dem Kälte- auch noch unseren Schmutz-Rekord auf. Mit dem Lufthammer der Heijsman-Werft entfernen wir Unmengen Rost und Dreck, der uns um die Mickymaus-geschützten Ohren fliegt und sich in jeder Pore festsetzt. Unser Teint sieht in den nächsten Tagen immer leicht künstlich und überschminkt aus. Da die seitlich gelegenen Stellen der Bilge kaum zu erreichen sind, werden auch unsere Knie ziemlich in Mitleidenschaft gezogen. Aber bis zur Röckchen-Saison ist es eh noch lange hin, sofern sie in Holland überhaupt stattfindet. Nach zwei Anstrichen mit Owatrol machen wir erleichtert einen Haken an das Bilgen-Thema.

 

Eigentlich steht jetzt die neue Lackierung des Rumpfes an, doch wegen des Wetters verschieben wir diese Arbeit immer wieder. Zwar ist es jetzt halbwegs freundlich draußen, aber es fehlen acht bis zehn Grad Celsius. Statt des Lacks erledigen wir also Technisches im Inneren des Schiffes, immer darauf bedacht, uns dabei möglichst zwischen den beiden Heizlüftern aufzuhalten. Wir bauen unseren neuen Triducer ein, der zukünftig als Tiefenmesser und Logge fungieren soll. Außerdem bereiten wir die Installation und Vernetzung von Bidata und Multifunktionsdisplay vor, das Holz-Gehäuse für letzteres entsteht zwischendurch auf dem Hof der Werft, wo der beständig starke Wind freundlicherweise das Auffegen des Flex-Staubes erspart. Am Schluss lackieren wir den Rumpf doch, obwohl es immer noch zu kalt ist. Aber der Krantermin ist vereinbart und unsere Geduld genauso am Ende wie die Urlaubstage. Als größte Herausforderung erweist sich, die lackgetränkten Rollen und Pinsel von der Farbschale bis zum Schiff zu bewegen, ohne dass die Farbe wegfliegt. Wunderschön sieht es aus, wie alte Flecken und Ausbesserungen nach und nach unter dem wunderbar dunklen Blau verschwinden. Jetzt noch den Wasserpass pinseln und fertig. Unser Bedarf an körperlicher Arbeit ist für einige Zeit gedeckt und wir wissen endlich, wie Winterlager geht.



T03_B14_klAm 4. April wird Flying Fish zurück ins Hafenbecken gekrant. Für uns ein spannendes Unterfangen, wir sind zum ersten Mal dabei. Normalerweise erscheint uns unser Schiff riesengroß, aber nun baumelt es in der Luft wie ein ganz kleiner Fish an der Angel. Doch die Jungs von Skipsmaritiem agieren entschlossen und scheinen sich ihrer Sache sicher. Noch schnell die Stellen mit Antifouling streichen, die vorher wegen der Stützbretter nicht zugänglich waren und dann – ab ins Wasser. Sofort gehen wir an Bord und checken, ob alles dicht ist. Ist es leider nicht, durch den neuen Triducer dringen einzelne Tropfen. Wir werden wieder angehoben und zum Glück ist das Problem leicht zu beheben, wir hatten das Gerät wohl nicht ganz gerade eingeschraubt. Der Motor startet beim ersten Versuch und so geht es endlich zurück nach Warns in die Vrijheid.



T03_B15_klDort folgen in der nächsten Zeit Premieren wie der erste Ölwechsel und der erste Impellerwechsel und endlich die lang ersehnten kosmetischen Holzarbeiten: wir bauen das zu Hause vorbereitete neue Instrumentenbrett ein, das Multifunktionsdisplay wird in seinem Holzgehäuse neben dem Niedergang befestigt, der Tablet-PC bekommt eine maßgefertigte Halterung auf dem Kartentisch. Alles passt wie erhofft und wir genießen, dass es an Bord endlich wieder schön und gemütlich wird. Mit den üblichen kleinen Dämpfern zwischendurch: der neue Triducer lässt sich nicht in unser Bordnetzwerk einbinden, so dass uns unser Lieblingsversender ein Ersatzgerät schickt. Der Austausch funktioniert, indem man „den Stöpsel zieht“. Für einige Sekunden – je nachdem, wie schusselig man sich anstellt – ist währenddessen ein Loch von fünf Zentimetern Durchmesser im Schiffsboden, durch das mit recht ordentlichem Druck Wasser aus dem Hafenbecken herein sprudelt. Heiko findet solche Aktionen seltsamerweise lustig, ich dagegen bin froh, als wir die Sache mit einem vergleichsweise geringen Wassereinbruch inklusive einer kleinen hereingespülten Krabbe hinter uns haben. Leider überlebt die Krabbe nicht. Deutlich nasser wird die Bilge, als wir bei der Befüllung des Wassertanks feststellen, dass wir diesen bei den Entrostungsarbeiten mit dem Lufthammer zerstört haben. Er entleert sich eins zu eins ins Schiff, wenigstens bemerken wir es früh.



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Als letzte große Aktion stehen das Aufhängen und die Installation der Radarantenne im Mast an. Unsere Vorbereitungen sind gründlich und gewissenhaft wie selten und nachdem noch eine extragroße Blindnietenzange gekauft ist, verbringt Heiko einige Zeit angeseilt auf der ersten Saling. Nachher hat er genau 14 blaue Flecken auf seinen Oberschenkeln, das entspricht der Anzahl der Nieten, mit denen das Radom befestigt wird. Die gigantische Zange ließ sich bloß durch zusätzliches Aufstützen zudrücken, wahrlich kein Mädchenjob. Leider darf ich kein Foto von den gepunkteten Beinen machen. Fehlt noch die Verkabelung der Radarantenne und an diese Stelle scheitern wir, obwohl wir jede noch so aberwitzige Idee ausprobieren. In der Marina von Stavoren lassen wir den Mast heben und sehen sofort, dass wir angesichts der im Inneren gelegten Schlingen keinerlei Chance hatten ohne Kran. Nach einer halben Stunde ist das Kabel durchgefädelt und Flying Fish wird wieder zusammengebaut. Was folgt, ist mal wieder eine saftige Rechnung und das dringende Bedürfnis, in nächster Zeit einfach nur noch zu segeln…

 

 

Featured Work:
  • all
  • Refit
  • Törn
Aus Müßiggang wird Meilen-Törn (September 2014)
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Gezeitenspaß in vier Ländern (Juni/Juli 2014)
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Decksanierung im Winterlager 2013/14
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England im zweiten Anlauf (August/September 2013)
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Vom verzweifelten Versuch, ins Ausland zu segeln (Juni/Juli 2013)
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Voller Einsatz im Winterlager 2012/13 - und danach
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Salzwasser-Premiere mit Flying Fish (August/September 2012)
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Wie alles begann im Frühling 2012
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SY Flying Fish by Heiks