Nordkapp

Gerade noch in Hammerfest mit dem Gefühl, etliche Etappen lägen vor uns bis zum Wendepunkt, sind wir jetzt, fünf Tage später, bereits auf Gegenkurs unterwegs. Wir waren am Nordkap! Letzten Donnerstag hatten wir bei durchgehend 4 bis 6 Beaufort aus West so viel Spaß, dass wir in einem Rutsch und schön rasant bis ins 62 Seemeilen entfernte Honningsvåg gesegelt sind. Das ist der Ort im Südosten der Insel Magerøya, von dem aus man auf dem Landweg das Kap erreicht – unser Begehr für den folgenden Tag! Leicht geschafft drehen wir am Abend noch eine Erkundungsrunde durch den Ort und entdecken erst voller Freude „Honni Bakes“ (Bäckereien sind hier selten und die Sehnsucht nach echtem Brot entsprechend groß) und dann in deren Schaufenster auch noch Werbung für Bustouren. Drinnen ist noch wer, da fragen wir nach – und lernen Abdoulaye kennen. Er zückt direkt einen Terminplan, wann welche Kreuzfahrtschiffe im Ort festmachen und schüttelt den Kopf: „Schwierig die nächsten Tage, wird ziemlich voll da oben und die Busse sind dann eh wahrscheinlich ausgebucht“. Sein Vorschlag: „Die Sonne scheint, fahrt doch lieber heute noch hin, ihr könnt mein Auto nehmen“. Da kennen wir uns seit etwa fünf Minuten. Was er denn für diesen Riesen-Gefallen wollen würde, fragen wir. „Ganz egal, was immer ihr meint“, antwortet der Bäcker bestens gelaunt und so ziehen wir mit seinem Autoschlüssel von dannen. Nicht ohne nochmal ungläubig zu überlegen, ob sich in unser Gespräch missverständliche Englisch-Floskeln eingeschlichen haben könnten.

33 Kilometer geht es wenig später über die karge Insel nordwärts, mit jeder Kurve weicht die Müdigkeit purer Vorfreude. Die Straße endet auf einem riesigen Parkplatz, auf dem nach unserer Schätzung an die 200 Wohnmobile stehen plus unzählige Pkw dazwischen und ein paar Busse. Allein ist man also nicht auf dem Plateau 307 Meter über dem Meer, aber die Fülle ist angenehm, die Stimmung fröhlich und ausgelassen, alle wollen natürlich Fotos mit und von dem berühmten Globus, genau wie wir. Da wir perfektes Wetter haben mit guter Sicht, können wir auf das teure Nordkapzentrum mit Multivisionsshow auf Riesenleinwand leicht verzichten, gönnen uns drinnen nur einen Kaffee zum Aufwärmen und Durchhalten. Denn mindestens einmal pro Saison, finden wir, muss sie ganz bewusst zelebriert werden, die Mitternachtssonne, mindestens bis ein Uhr früh, und dies ist der perfekte Ort. Schön aufgedreht machen wir uns danach auf den Heimweg, gönnen uns unterwegs noch Abstecher in ein paar der kleinen Fischerdörfer der Insel, beobachten Rentierbabies und freuen uns über das schöne Licht. Morgens um drei dann der Aufprall aufs Kopfkissen, von dem wir nicht mehr wirklich viel mitbekommen.

Es folgen drei gemütliche Tage in Honningsvåg, geschützt im Hafen, denn draußen toben zeitweise bis zu 40 Knoten Wind. Wir wandern ein wenig in den Bergen hinter dem Ort, planen für unser nächstes Winterlager, feiern den Wendepunkt der diesjährigen Reise – und kehren des Öfteren bei Honni Bakes ein: ganz, ganz schlecht für Figur und Budget, aber kulinarisch ein Fest, allein die Pistasjesnurr hätten einen eigenen Blogbeitrag verdient. Und auch wenn wir nicht mit Abdoulaye in der Bäckerei quatschen, ist es gesellig. Als einzige Segelyacht im Hafen ziehen wir einige Aufmerksamkeit auf uns und immer mal kommen Kreuzfahrer, die früher gesegelt sind oder gerne wären, mit Fragen und Geschichten vorbei – nett! Wir warten derweil auf die Gelegenheit, Magerøya ostwärts zu umsegeln und das Nordkap noch von See zu betrachten, doch die kommt einfach nicht. Nachdem wir im letzten Jahr so viel weiter im Norden waren, tut uns das nicht sehr weh. So haben wir stattdessen heute westwärts abgelegt und schon die ersten 28 Meilen Heimweg zurückgelegt. Eine gute Entscheidung, denn zwischendurch schwammen zwei Minkwale vorbei und ließen sich eine Weile beobachten. Einer ist plötzlich herangekommen und direkt unter Flying Fish hindurch getaucht, ein magischer Moment, solch ein riesiges Lebewesen (geschätzt acht Meter lang) so nahe. Leider war gerade das Teleobjektiv auf der Kamera und wir zu hektisch und paddelig, um es ausreichend schnell zu wechseln… Nun sind wir für die Nacht im kleinen Fischerort Havøysund fest und hoffen, dass morgen der versprochene Nordost weht.

Svenja
Juli 4th, 2024 at 7:49 pm

Eva hat es für mich auf den Punkt beschrieben. Egal, ob es eure tollen Begegnungen mit den Menschen vor Ort sind oder die immer wieder atemberaubend schönen Fotos, einfach klasse! Euch weiterhin einen großartigen Törn und ich freue mich schon sehr auf die weiteren Berichte 😀 Liebe Grüße, Svenja

Heiko
Juli 5th, 2024 at 5:28 pm

Vielen Dank und wir nehmen dich gern weiter mit auf unserer Reise – so liebe Kommentare geben uns das Gefühl zurück, dass sich die (Heikes;) Mühe lohnt 🙂

Eva
Juli 2nd, 2024 at 2:10 pm

Hallo Ihr Lieben, an und für sich kenne ich ja eher mal Fernweh – aber Euch auf Eurer Reise und mit Euren Erlebnissen zu begleiten ist einfach Fern-Glück 🙂 Lieben Dank dafür und viele Grüße

Heiko
Juli 5th, 2024 at 5:23 pm

Freut uns mächtig, dein Fern-glück zu sein – so schön !

Peter
Juli 2nd, 2024 at 10:59 am

Was eine schöne Geschichte. Die Menschen sind einfach weit, weit überwiegend nett, freundlich und haben Spaß dran, anderen zu helfen. Made my Day. Schöne Reise noch.

Heiko
Juli 5th, 2024 at 5:21 pm

Den Eindruck haben wir auch, Abdoulaye hat einfach noch mal getoppt…

Ludger
Juli 2nd, 2024 at 10:10 am

Der wahre Sinn des Reisens: Die Welt mit seinen Menschen kennen und schätzen zu lernen – ich bin bei Carsten, spektakuläre Erlebnisse und die Leichtigkeit des Seins in einer Zeile…Liebe Grüße vom Schreibtisch
PS: Carsten, vielleicht liest Du diese Zeilen, dann auch an Dich die besten Grüße vom Schreibtisch!

Heiko
Juli 5th, 2024 at 5:17 pm

So langsam kommen wir in den Flow 🙂

Silke
Juli 2nd, 2024 at 6:48 am

Ich freue mich so mit euch für die tollen Erlebnisse, verstärkt durch so nette Erlebnisse mit tollen Bäckern. Gibt das Vertrauen zurück….
Gute Heimreise….

Heiko
Juli 5th, 2024 at 5:13 pm

Ja, der Bäcker (und seine Backwaren) waren sehr besonders…

Carsten
Juli 2nd, 2024 at 6:39 am

Mit welcher Leichtigkeit ihr hier über spektakuläres schreibt, einfach…….
Hammer!
Liebe Grüße von den KNUTT’is

Heiko
Juli 5th, 2024 at 5:12 pm

Danke, liebe Knutts und feine Grüsse zurück.

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