Ein Fish wird kommen

Wie alles begann im Frühling 2012


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Flying Fish flog uns sozusagen zu. Wir hatten immer wieder mal nach Booten geschaut, war irgendwo ein Hafen in der Nähe, schlenderten wir dort auf jeden Fall eine Runde über die Stege. Und stöberten gelegentlich in online-Bootsbörsen herum – all das aber eher aus allgemeinem Interesse und Spaß am Diskurs als mit fester Kaufabsicht. Dennoch beschlossen wir sicherheitshalber, diese Gewohnheiten eine Weile auf Eis zu legen, als ein Jobwechsel und Neuorientierung anstanden. Und prompt, ganz kurze Zeit später im Frühling 2012, hatte das Schicksal seinen Spaß mit uns. Heiko testete einen Tablet PC, gab spontan die gewohnten Suchbegriffe ein und tadaaaa, schon erschien das Foto eines wunderschönen, dunkelblauen Schiffs zuoberst: kuttergetakelte Hochseeyacht Vanguard 1150, gezeichnet von Dick Koopmanns, gemäßigter Langkieler aus Stahl. Und während sich normalerweise die Schiffe, die uns im Internet gefielen, irgendwo an Amerikas Küsten oder in der Karibik befanden, lag dieses im niederländischen Ort Makkum. In der Gegend planten wir uns sowieso zwei Wochen später zum Jollensegeln aufzuhalten, netter Zufall!

 

T01_B03_oriDer telefonisch kontaktierte Besitzer der Flying Fish erwies sich direkt als sehr herzlicher und sympathischer Herr aus der rheinischen Nachbarschaft (was den Heimathafen-Schriftzug „Köln“ am Heck erklärte – ein Zeichen?). Er versorgte uns mit reichlich Geschichten und Informationen und hatte nichts dagegen, dass wir uns sein Schiff unverbindlich ansehen. Wir fuhren also zur Tromp Werft nach Makkum, wo Flying Fish ohne Mast aufgebockt und uns zur entspannten Besichtigung offen stand. Wir schauten von außen, von innen, von oben, von unten und das Verhängnis nahm seinen Lauf: Liebe auf den ersten Blick, doppelte gleich. Auf uns machte das Schiff einen guten Eindruck, hier und da ein bisschen vermackt, ein paar Roststellen, aber im Grunde gepflegt und prima in Schuss. Jetzt bloß zwei kühle Köpfe bewahren, dachten wir uns, und beauftragten nach einiger Überlegung einen Gutachter. Das Treffen mit ihm war ernüchternd: er diagnostizierte prompt einige unerwartete und sehr kostspielige Großbaustellen, so sei das schöne Teakdeck leider marode, die Bilge unter dem Lack völlig verrostet und einiges mehr. Wir konnten es kaum glauben, doch seine Beweisführung mit Hammer und Schraubendreher sprach für sich.


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Der Fish-Traum schien also so schnell ausgeträumt wie er angefangen hatte. Doch dann reduzierte der Besitzer – vom Ergebnis des Gutachtens ebenso überrascht wie wir – den Preis erheblich. Unsere Vernunft riet zu Vorsicht, mahnte immer wieder „Finger weg, das Projekt ist nicht kalkulierbar, ein bis zwei Nummern zu groß und das Timing unterirdisch“. Das Bauchgefühl hielt argumentationsschwach, aber penetrant dagegen „dieses Schiff oder gar keins und zwar nie“. In den Weiten des Internet stöberten wir zwei weitere Vanguard 1150 auf und kontaktierten die Eigner: Gerhard aus Österreich segelt mit seiner „Robin II“ meistens in Skandinavien herum und nutzt sie als Ausbildungsschiff und die beiden Hamburger Steffi und Jörg rüsteten ihre „Bigfoot“ gerade für die Langfahrt aus. Alle ließen sich geduldig von uns ausquetschen, schilderten uns Erfahrungen, Erkenntnisse und besonders die guten Segeleigenschaften, für uns der wichtigste Punkt. Und so nahm das Verhängnis seinen Lauf: nach vielen schlaflosen Nächten, stundenlangen Diskussionen, Abwägungen und Berechnungen entschieden wir uns für Flying Fish, plünderten unser Konto und unterschrieben Anfang Mai den Kaufvertrag bei einem unvergesslich guten Gläschen Haselnussgeist. Da standen wir nun, zwar mit einiger Charter-Segelerfahrung, aber sonst recht ahnungslos. Die ersten Investitionen flossen in Fachliteratur und große Fender.


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In der Folgezeit verbrachten wir fast jedes Wochenende an Bord, je nach Wetter unter Deck oder unter Segeln. Wir hatten die Flying Fish nach Warns (bei Stavoren) in den „Jachthaven de Vrijheid“ verlegt. Ein im Rückblick sehr lustiges Unterfangen, dieser erste kleine Schlag auf dem Ijsselmeer: bei optimal freundlichen Segelbedingungen, strahlendem Sonnenschein und Wind um die drei Beaufort, waren wir mit sehr schnellem Puls und zur Sicherheit zwei (!) Reffs unterwegs und schafften es kaum, unsere Yacht halbwegs geradeaus zu steuern. Auch das Schleusenmanöver und der Anleger gerieten nur semi-elegant. Eine ganz andere Nummer als die uns aus dem Mittelmeer vertrauten Leichtgewichte von Bavaria und Beneteau, das war schnell klar… Langsam fingen wir an, Flying Fish zu unserem Schiff zu machen. Grundreinigung, Aufräum- und Sortieraktionen standen als erstes auf dem Programm. Wir krochen in jede Ecke, jedes Schapp, richteten eine eigene Abteilung ein für „Dinge, die noch identifiziert werden müssen“. Der Mast wurde erklommen voller Freude über die vorhandenen Maststufen, eine Bestandsaufnahme sämtlicher Leinen und Festmacher durchgeführt und das himbeerrote original 80er Jahre-Dinghi mit dem edlen Teakholzboden aufgepustet.

Bald folgten erste kleinere Reparaturen und Änderungen. So ergänzten wir das Cockpit um einen Klapptisch und aus den Einzelliegen im Vorschiff wurde nach viel Tüftelei eine Art Doppelbett. Der Mast bekam einen Verklicker und das Schiffsklo einen Schwanenhals gegen Flutung. In wahren Luxusmomenten kümmerten wir uns um die Optimierung der Wohnlichkeit: so gruppierten sich bald um unseren sehr präsenten Achterkajüten-Jesus am Kreuz (den schon der Vorbesitzer sich nicht zu entfernen traute) einige Helfer aus anderen Religionen zugunsten eines freundlicheren Gesamtbildes und auch ein paar dekorative Textilien hielten Einzug. Doch normalerweise ging es in dieser Zeit um die „großen Themen“: wir tasteten uns langsam an die einzelnen Systeme heran, versuchten Wasserkreislauf, Energieversorgung, die Funktionsweise und Vernetzung der Instrumente und den Motor wenigstens grundsätzlich zu verstehen. Mit der Zeit wurden die Rückschläge und vor allem die Wassereinbrüche seltener. Parallel dazu ging es mit der Qualität unserer Manöver steil bergauf. Nachdem wir mit eiserner Übungsdisziplin immer wieder Angst und Schrecken in den friesischen Häfen verbreitet hatten, lernten wir nach und nach die Grenzen und Möglichkeiten unseres Schiffs besser kennen. Vor allem die Grenzen – so akzeptierten wir allmählich die beträchtliche Ausprägung des Radeffektes und dass es unter keinen Umständen rückwärts geradeaus fährt. Doch das wichtigste in dieser chaotischen Phase voller Hochs und Tiefs: Flying Fish segelte einfach traumhaft!

 

Alles in allem also eine großartige und spannende Zeit für uns. „De Vrijheid“ erwies sich schnell als Glücksgriff. Nicht nur wegen des idyllischen Liegeplatzes nahe am Johan-Friso-Kanal, wir lernten auch schnell eine Handvoll unglaublich netter und hilfsbereiter Stegnachbarn kennen, die uns Neulingen gern mit Rat und Tat und einem Bierchen in der Hand zur Seite standen. Außerdem wurden wir auf unseren Flying Fish-Erkundungstouren immer öfter von angstfreien Freunden, Verwandten und Bekannten, Seglern wie Nichtschwimmern, in die schönen Ijsselmeer-Örtchen begleitet. Fast alle fühlten sich wohl genug an Bord, um bald wieder mitkommen zu wollen – für uns ziemlich klasse, denn natürlich mochten und möchten wir möglichst weder auf unseren neuen Abenteuerspielplatz und die friesische Natur noch auf unsere Freunde verzichten.

 

Featured Work:
  • all
  • Refit
  • Törn
Aus Müßiggang wird Meilen-Törn (September 2014)
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Voller Einsatz im Winterlager 2012/13 - und danach
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