Kurzbesuch auf Helgoland

Aus Müßiggang wird Meilen-Törn (September 2014)


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Ein paar Tage lang stinkfaul sein auf der schönen Insel Vlieland, mehr wollen wir gerade nicht vom Leben. Der letzte Freitag im August leitet die Urlaubswoche ein und wir kommen gegen Abend mächtig durchgeschaukelt und bei immer noch viel Wind dort an. Sofort stehen Helfer auf dem Steg, jeder im Hafen ist auf den Beinen und zum Glück wissen die Leute hier, was mit den zugeworfenen Festmachern zu tun ist. Mit etwas Gerumpel schaffen wir es in eine enge Lücke und atmen durch. Das sollte vorerst die letzte Aufregung gewesen sein, denn für die folgenden Tage ist Schmuddelwetter mit wechselnden Winden vorhergesagt, insofern passt der Fäulnis-Plan prima. Bis wir am Samstag ganz kurz in den Windguru schauen und feststellen, upps, die Vorhersage hat sich komplett geändert: Sonntag bis Dienstag Wind aus Nordwest, ab Mittwoch drehend auf Ost, Windstärken um drei bis vier Beaufort, die ganze Zeit freundlich. Wäre es nicht ein ganz kleines bisschen schade, solche Segeltage zu verpassen? Und würden uns diese Winde nicht zufällig genau nach Helgoland UND auch wieder zurück bringen?? Wir sichten noch den Windfinder, Passageweather und den Aushang des Hafenmeisters, alle stimmen überein: ja, da kommt eindeutig Helgoland-Wetter! Blöderweise haben wir keine Seekarte für das Revier. Wir rennen in jeden Laden von Vlieland, aber nichts zu machen, für Segler gibt es hier erstaunlicherweise bloß Klamotten, aber keine Technik oder Kartenmaterial. Sollen wir das Risiko eingehen und uns nur auf unsere elektronische Navionics-Karte verlassen? Wir hatten uns immer wieder versprochen, genau das nie zu tun, denn Technik kann ausfallen und tut das im Normalfall dann, wenn es besonders ungünstig ist. Letztlich rettet uns der nette Niederländer vom Nebenschiff, mit dem wir ins Gespräch kommen. Er hat das fehlende Chart doppelt und überlässt uns eines.


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Am Sonntagnachmittag geht es los, erst mal gegen den Gezeitenstrom. Und zwar mit voller Absicht, denn nur so werden wir nicht im Dunkeln auf Helgoland ankommen. Zunächst lässt sich das Klüversegel nicht komplett ausrollen, nachdem Heiko im Hafen eine gut gemeinte Änderung an der Wicklung der Reffleine vorgenommen hat. So verbringt er eine halbe Stunde auf dem Vorschiff kniend, um die Sache rückgängig zu machen, und kommt irgendwann ziemlich geduscht von den hohen Nordseewellen zurück ins Cockpit. Dann endlich können wir Flying Fishs Bug gen Osten drehen und los segeln. Alles läuft prima, doch wie immer finden wir den Einbruch der Dunkelheit leicht unheimlich. Abwechselnd schlafen wir in der Leekoje im Salon und wer gerade Wache hat, ist ganz schön gefordert. Hier ist deutlich mehr los als zwischen Holland und England: backbords verläuft das Verkehrstrennungsgebiet parallel zu unserem Kurs, dort ist ordentlich Betrieb. Auf unserer Steuerbordseite sehen wir die Lichter der Inseln und zahlreicher Fischer, die dort kreuz und quer navigieren, dann gibt es noch Windparks und einzelne Tonnen zu beachten. Wir sind beide froh, als es wieder hell wird und Flying Fish mit nichts kollidiert ist. Um 10.30 Uhr kommt Helgoland in Sicht, sofort nehmen wir einen euphorischen Logbucheintrag vor, Insel gefunden! Kurz darauf lichtet Helgoland den Anker und fährt weg. Hmmm. Um 12.30 Uhr sehen wir die Insel wirklich und sind dort drei Stunden später an der Ostkaje des Südhafens festgemacht als zweites Schiff im Päckchen. Sehr komfortabel, in der Hauptsaison sollen bis zu zwölf Boote pro Päckchen üblich sein. 25 Stunden haben wir für die 132 Seemeilen über Grund gebraucht, 158 waren es durch das Wasser.


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Nach unserer Anmeldung im Hafenamt verläuft ein erster Rundgang über den unteren Teil der Insel etwas enttäuschend: eine bereits geschlossene Verkaufsbude an der nächsten, sehr touristisch und ganz schön trostlos. Klar, dass Shopping hier ein Schwerpunkt ist, denn die vierzig Kilometer vom Festland entfernt gelegene Insel gehört zwar zum deutschen Wirtschaftsgebiet, doch es gelten Sonderregelungen: Helgoland zählt weder zum Zollgebiet der EU, noch werden deutsche Verbrauchssteuern erhoben, ein Einkaufsparadies also. Leider lässt sich auch kein einladendes Restaurant finden, wir verkrümeln uns zurück auf’s Schiff, kochen was Leckeres und verschieben die „wirkliche“ Erkundung Helgolands auf den morgigen Dienstag. Der beginnt mit einem Besuch im Duschhaus des Bundeshafens, das für uns als Überraschung Jugendherbergsfeeling in Form der ersten Gemeinschaftsduschen seit Jahrzehnten bereithält. Die gibt es also noch! Kein Problem, aber dass dieser Spaß stolze 2,50 Euro pro Person kostet… Wahrscheinlich lassen sie sich den Seltenheitswert bezahlen.

Nach dem Frühstück geht’s rauf auf das Oberland der nur einen Quadratmeter großen Insel, einem Plateau, das, passend zur Zielgruppe der Einkaufsfahrten nach Helgoland, von barrierefreien Wegen umrundet und durchzogen wird. Und so senken wir das touristische Durchschnittsalter gewaltig. Wir starten ein paar Überholmanöver und finden es gut, dass ein in mehrerer Hinsicht so besonderes Fleckchen Erde für jeden bequem zugänglich ist. Da sind zum Beispiel Flora und Fauna. Neben dem unter Naturschutz stehenden Felswatt und den Tangwäldern des Inselsockels ist vor allem der Reichtum an Vogelarten speziell, selbst sehr seltene und exotische Exemplare werden hier beobachtet. Nicht von uns, wir haben keine Ahnung und sehen auf dem bekannten Lummenfelsen vor allem die vielen Möwen und Tölpel. Und die charakteristischen Trottellummen natürlich, die aus unserer Sicht in Sachen Namensgebung eher Pechvögel sind. Fasziniert lesen wir über deren „Lummensprung“: jedes Jahr im Juni stürzen sich die etwa drei Wochen alten Küken von den fünfzig Meter hohen Klippen ins Meer, wissend um ihre Flugunfähigkeit. Dass sie schwimmen können, wissen sie zu dem Zeitpunkt noch nicht. Heiko fühlt sich an manche Projekte seiner beruflichen Laufbahn erinnert. Wir schauen dem bunten Treiben auf dem Felsen eine Weile zu, obwohl er ebenso dicht beschissen wie bewohnt ist und entsprechend übel riecht. Dann geht es weiter zum berühmten Wahrzeichen Helgolands, der Felsnadel „Lange Anna“ im äußersten Nordwesten. Allzu nah kann man nicht heran und unsere ersten Assoziationen, als wir an der Absperrung stehen und schauen, sind „Erosion“ und „Einsturzgefahr“. Hoffentlich bleibt der markante Pfeiler noch eine Weile stehen, final zu retten ist er angeblich nicht.


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Lässt man den Blick über das Innere des Plateaus schweifen, sieht man deutlich all die tragischen Spuren der Geschichte. Schon im April 1945 führten zwei verheerende Bombardements dazu, dass die Insel unbewohnbar wurde und evakuiert werden musste. Genau zwei Jahre später versuchten die Briten, Helgoland durch die zeitgleiche Zündung von 6.700 Tonnen Sprengstoff komplett zu zerstören. Doch die geschundene Insel hielt stand. Erst im Jahr 1952 wurde sie wieder an die BRD zurückgegeben und die Bevölkerung konnte zurückkehren. Infotafeln am Weg informieren heute über die Details, zeigen alte Fotos und verweisen auf Bombentrichter und Gedenkstätten. Nach diesem traurigen Teil des Rundgangs lassen wir uns gern wieder von der Schönheit der Küste ablenken und schauen uns als nächstes Mittel- und Unterland an. Es ist heller Tag, alle Shops und die Gastronomie haben geöffnet, die Atmosphäre ist komplett anders als am Abend zuvor, bunt und geschäftig. Auch die Hummerbuden an der Pier entfalten jetzt ihren Charme. Zum Mittagessen gönnen wir uns sehr leckere Knieper-Brötchen, eine lokale Spezialität aus dem Scherenfleisch des Taschenkrebses. Weil unser Wirt so belustigt darüber ist, dass ich mich erst für kein Gericht auf der Karte entscheiden kann, schenkt er mir noch eine leere Krebsschere, ein schönes Souvenir!

Schließlich geben auch wir uns noch ein wenig dem Einkaufsrausch hin. Zwischendurch hat unser Freund Eric angerufen und wünscht sich richtig guten Whiskey mitgebracht zu bekommen, als er unseren Aufenthaltsort erfährt. Da machen wir uns gern – und sehr erfolgreich, wie sich später einmal im Praxistest herausstellen soll – auf die Suche und ergänzen gleich noch unsere Bordbar um ein Fläschchen Portwein. Außerdem erstehen wir ein kleines Fernglas und einen kuscheligen gestrickten Buff. Langsam geht unser Helgoland-Tag zu Ende. Gerne hätten wir noch einen Zweiten, um ihn am Strand der kleinen, flachen Nebeninsel „Düne“ zu verbringen, doch dann wäre unsere Rückkehr nach Holland unter Segeln mehr als ungewiss. Wetter halt! So legen wir früh am Mittwoch ab, passieren wieder die depressiv jaulende Ost-Heultonne südlich der Insel, queren diverse Verkehrstrennungsgebiete und genießen eine gute Zeit an Bord. Dieses Mal haben wir auf unserem Kurs an der Inselkette entlang den Wind genau von achtern, Flying Fish segelt von der Aries gesteuert und im Schmetterling durch die Nacht, das Klüversegel ausgebaumt, das Groß per Bullentalje gesichert, klappt hervorragend. Der Nachteil dieses Kurses: es weht schweinskalt ins Cockpit. Wir improvisieren eine schützende Persenning mithilfe einer alten Plane und beschließen, diese gravierende Ausstattungslücke gelegentlich mit unserem Segelmacher zu besprechen.

Am Donnerstag laufen wir mittags nach 29 Stunden und 157 Seemeilen über Grund (170 durchs Wasser) in den Hafen von Oudeschild auf der Insel Texel ein. Kaum, dass das Schiff fest ist, leihen wir uns Fahrräder und machen uns auf zum Strand – lesen, quatschen, Leute gucken, faul herumliegen. So wird unser ursprünglicher Vlieland-Plan letztlich mit etwas Verspätung auf der Nachbarinsel verwirklicht. Zwar eher im Kleinformat, aber wir bereuen nichts!

 

Featured Work:
  • all
  • Refit
  • Törn
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