Spitzbergen Süd

Die vergangene Woche hat uns nochmal einen bunten Strauß voller Abenteuer beschert, solche und solche. Nachdem wir den Isfjord leicht überstürzt verlassen (Wind und Wellen machen den eigentlich geplanten Anleger am Steg in Barentsburg unmöglich), ist unser nächstes Ziel Fridtjofhamna im Bellsund. Wir genießen die Rundung von Kap Linné und die Fahrt an Spitzbergens Westküste entlang, denn auf dem Hinweg lag all das in dichtem Nebel. Was für eine Freude, diese schroffe Landschaft nun doch noch zu sehen! Dann, am Ziel: ein Traum von Ankerbucht, geschützt und mit Blick auf den 2 Seemeilen entfernten Fridtjofbreen. Dessen Umgebung naherkunden wir nicht wie gewohnt zu Fuß, denn ufernahe Dinghi-Fahrten ersetzen nun, da wir ohne Mausi und nur noch mit Bearbangern bewaffnet sind, unsere ausgedehnten Wanderungen. Wir vermissen es zwar, uns die Beine zu vertreten, doch die Gegend ist zu unübersichtlich und Gletscher sind ohnehin vom Wasser aus am besten zu sehen.

Auf der langen, schmalen Insel Akseløya dagegen wären wir schon richtig gern herumgelaufen. Stattdessen segeln wir mit Flying Fish gemütlich unter Klüversegel deren Ostseite entlang und schauen uns die Hütte der lokalen Berühmtheit Louis Nielson durch das Fernglas an. Im Jahr 1991 ließ sich der Trapper hier nieder und lebte 2011, als unser Guidebook geschrieben wurde, immer noch allein auf der Insel. Ob er das nach wie vor tut, werden wir wohl nicht erfahren, aus der Ferne sieht der Ort eher verlassen aus. Unser nächster Stopp ist die Bucht Fleur de Lyshamna gleich um die Ecke, wo drei alte, gut erhaltene hölzerne Walfangboote auf dem breiten Strand liegen. Hier wagen wir einen kurzen Landgang. Sogar guten Gewissens, denn drei Wissenschaftler der Arctic Research Group UK nehmen dort gerade Messungen vor und sind gerne bereit, uns im Ernstfall zu verteidigen. Eine weitere schöne Begegnung und zum Fotomotiv gibt es eine kurzweilige Unterhaltung dazu – wie so oft auf Svalbard mit Menschen, die diese Gegend innig lieben und seit Jahren immer wieder herkommen.

Bleiben können wir nicht in Fleur de Lys, die Bucht ist ungeschützt gegen den angekündigten Ostwind und das Eis, das er mitbringen wird. Also verkriechen wir uns in den Recherchefjord, der Anker fällt in der Bucht Vestervågen. Er fällt dreimal, bis er endlich hält, gefolgt von einer Nacht mit so absurdem Schwell von der Seite, dass wir nicht wissen, ob wir verzweifeln oder uns kaputtlachen sollen, während wir in der Vorschiffskoje hin und her rollen. Am Morgen beruhigt sich die Lage und wir werden gründlich entschädigt: Zunächst funkt uns eine Crew aus der Nachbarbucht an und verkündet, eine Eisbärin sei auf dem Weg über den Berg in unsere Richtung. Zehn Minuten später kommt sie in Sicht und wir verfolgen vom Dinghi aus ihren gemächlichen Spaziergang ein Stück weiter bergan, wo sie sich zur Ruhe legt. Wir kehren zurück zu Flying Fish und hoffen, dass sie nur Energie tankt, um danach ihren Weg etwas näher am Ufer fortzusetzen, doch das tut sie nicht, sondern verschwindet letztlich unbeobachtet im nächtlichen Nebel. Sackgesicht. Doch während wir so warten mit den Ferngläsern im Anschlag, kommt eine große Schule Belugas in die Bucht. Die weißen Wale standen hoch oben auf unserer Sichtungs-Wunschliste, entsprechend groß ist die Freude, sie tatsächlich zu sehen.

Auf dem Weg aus dem Bellsund hinaus stoppen wir in der Calypsobyen. Hier gibt es eine polnische Polarforschungsstation und wir hoffen, dass die Wissenschaftler nichts dagegen haben, wenn wir uns unter ihrem Schutz an Land ein wenig umsehen. Wir werden mit einer Herzlichkeit empfangen, als hätte man hier wochenlang auf uns gewartet. Es gibt Tee, spannende Infos über das Leben auf der Station und die aktuellen Forschungsprojekte, eine exklusive Führung und, da gerade gekocht wird, eine Einladung zum Essen mit dem derzeit siebenköpfigen Team. Wir bekommen noch eine Grußkarte mit auf dem Weg, die für eine weitere polnische Station bestimmt ist, im Hornsund nahe Isbjørnhamna gelegen. Dort ankern wir als nächstes, können aber unseren Postschiff-Auftrag beim besten Willen nicht erfüllen: Plötzlich driftet so viel Eis in die Bucht, dass wir hektisch die Flucht ergreifen müssen. Während wir unsere liebe Not haben, die größten Brocken abzuwehren und gleichzeitig den Anker an Bord zu kriegen, lässt sich in aller Ruhe und stabiler Seitenlage eine fette Bartrobbe auf einer Eisscholle vorbeitreiben und sieht uns aufmerksam zu. Ein Cartoonist hätte es sich nicht besser ausdenken können. (Die polnischen Grüße übermitteln wir später über VHF.)

Samstag war das, seitdem ankern wir in Gåshamna. Gestern hat sich die niederländische SY Sarabande zu uns gesellt und es war eine großartige Zeit mit Deborah und Matthijs. Gemeinsam hatten wir eine weitere Eisbärsichtung, ein großes Männchen zeigte Interesse an einem angeschwemmten Walross-Kadaver, zog sich aber zurück, als wir mit den Dinghis näherkamen. Heute dann ein letzter Landgang zu viert, um die gigantischen alten Walknochen am Ufer zu sehen, nun ist das Dinghi verstaut und wir machen uns bereit, Svalbard morgen zu verlassen. Denn dann endet, um 18:00 UTC, eine fünftägige Militärübung, für die Russland gerade zwei riesige Seegebiete zwischen uns und dem norwegischen Festland tagsüber sperrt. So etwas erleichtert natürlich nicht gerade die Reiseplanung… Ähnlich wie auf dem Hinweg sieht das Wetter nicht perfekt, aber okay aus, auf jeden Fall droht uns nichts Gefährliches. Drückt uns die Daumen, das nächste Mal melden wir uns in ein paar Tagen aus Norwegen!

Deborah (Sarabande)
November 10th, 2023 at 6:38 pm

Yihaa! What an adventure!

Silke Lindenthal
August 19th, 2023 at 12:00 pm

Mit den Fotos einfach nochmal beeindruckender…. Wahnsinn!!!!

SY Gretchen Due
August 17th, 2023 at 4:00 pm

Wir sind sehr beeindruckt, was ihr da so alles erlebt!! Kommt gut ‚rüber‘

Heidi wulf
August 16th, 2023 at 9:03 am

Ein ganzer Strauss an Begegnungen und Erlebnissen in Suedspitzbergen, toll.
Nach dem Trac habt ihr bald die Baereninsel erreicht. Weiter gute Fahrt!!!!! Lbgr hup

Ludger
August 15th, 2023 at 11:40 am

Bleibt vorsichtig – bon voyage

Svenja
August 15th, 2023 at 8:12 am

Wünsche euch einen guten Rückweg ohne unliebsame Überraschungen!

Carsten Everts
August 15th, 2023 at 7:51 am

Good luck, good old fishes!

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