Blaues Wunder

Diesmal haben wir uns selbst und freiwillig ins Eis begeben. 60 Prozent von Svalbard sind von Gletschern bedeckt und ein sonniger Flautentag ist perfekt, um sich einen aus der Nähe anzusehen: keine Wellen und Schaumkronen, zwischen denen Eisstücke optisch verschwinden, kein Nebel, der die Sicht behindert. Wir steuern den Lilliehookbreen an, den größten kalbenden Gletscher Spitzbergens. Schon in fünf Seemeilen Entfernung begegnen uns seine Vorboten. Das Vokabular zu Eisarten und -zuständen ist uferlos, wir haben es hier mit Growlern und Bergy bits zu tun: die einen wie große, dichte Eiswürfel an der Wasseroberfläche treibend, die anderen hoch aufragend und teils zu bizarren Skulpturen zurechtgeschmolzen, so treiben sie durch den Fjord auf uns zu. Vorsicht ist angesagt, weder wollen wir durch eine Kollision den Schiffsrumpf demolieren, noch darf Eis unter das Schiff und in die empfindliche Schraube geraten. So steht Heiko vorn im Bug und zeigt mir per Handzeichen an, wie ich ausweichen soll. Kurz vor dem Ziel wird das Eis so dicht, dass das nicht mehr funktioniert. Während wir uns nur noch in Schleichfahrt vorwärts tasten, die Maschine immer wieder auskuppelnd, schubst Heiko nun mit dem langen, stabilen Eishaken und viel Körpereinsatz zur Seite weg, was uns gefährlich werden könnte.

Die acht Kilometer breite, leuchtend blaue Gletscherfront ist einfach nur beeindruckend und unfassbar schön. Wir stellen ab, was laut ist an Bord, den Motor, den Windgenerator, und driften für eine Weile mit dem Eis. Die Geräusche um uns herum verursachen Gänsehaut: Eine Mischung aus Schmatzen, Klickern und Knistern. Dann gelegentliches Klatschen, wenn irgendwo aus dem Nichts ein Eisberg kentert und seine Unterseite zeigt. Und dazu alle paar Minuten tiefes, krachendes Donnern. Manchmal sehen wir noch gerade so, an welcher Stelle der Gletscher gekalbt hat und neue Eismassen ins Wasser stürzen, um sich langsam schmelzend auf den Weg fjordauswärts zu machen Es fällt schwer, sich loszureißen. Doch Flying Fish driftet schneller und anders als das Eis, die Konzentration lässt allmählich nach und so starten wir den Motor und steuern vorsichtig Signehamna an, eine seitlich gelegene Ankerbucht.

Zum ersten Mal seit Longyearbyen teilen wir einen Platz mit einer anderen Yacht, doch die lichtet bald den Anker und so teilen wir ihn nur noch mit einzelnen kleineren, langsam herumfloatenden Eisbrocken – und einem großen, länger als Flying Fish, den wir sehr sorgfältig im Blick behalten. Auch während unseres Landgangs, der diesmal drei Themen hat: Vogelfelsen, Eisbär und Eisberg. Am Felsen ist nicht so viel los, vom Bären finden wir diesmal nur Fell, aber der Eisberg kommt immer näher zum Schiff. Herumschubsen wird sich dieser Kollege nicht lassen, also schnell zurück an Bord und nochmal neu an anderer Stelle ankern. Kurz darauf groundet das Ding. Hätte es das auf unserer Ankerkette getan, wären wir noch eine ganze Weile geblieben. So geht es weiter nordwärts.

Svenja
Juli 24th, 2023 at 8:21 pm

Sehr beeindruckend, vor allem auch wenn man die Dimensionen aus der Vogelperspektive sieht.
Den praktischen Aspekt habt ihr ja schön mit heimischen Zutaten genutzt 🙂

Philipp
Juli 17th, 2023 at 2:21 pm

Wow! Schon die Sätze zeichnen ein aufregendes Bild…

Heidi wulf
Juli 15th, 2023 at 8:13 am

Beeindruckend euer Bericht. 1997 blieb uns der Zugang zur Bucht versperrt, nichts für unseren Laurin. Die Idee, ein eistaugliches Boot zu bekommen, ist dort entstanden. Das Ergebnis segelt ihr jetzt. Weiter gute Fahrt. Lbgr hup

Tiefers
Juli 14th, 2023 at 8:00 pm

Atemberaubende Natur plus Abenteuer, großes Lesevergnügen! Krimi muss es aber nicht werden 🙂

Peter
Juli 14th, 2023 at 12:06 pm

Ich höre das Knistern und Knacken… Was eine spannende Destination!!

Falko Wenzel
Juli 14th, 2023 at 10:22 am

hihi, Hauptsache Ihr seid -bevor bei uns der erste Schnee fällt- wieder in Köln. *fg*

Ludger
Juli 14th, 2023 at 8:53 am

GÄNSEHAUTBERICHT – ich teile Silkes Freude und bin voller Erwartung auf die Bilder! Bleibt vorsichtig! Grüße vom Schreibtisch, Ludger

Ralf
Juli 14th, 2023 at 7:11 am

Willkommen in einer anderen Welt. Euer Bericht ist super geschrieben. Paßt auf euch auf und schreibt fleißig weiter. Heiko wird nach der Reise vom Eisberge schieben einen Traumkörper haben.
LG
Ralf

konny
Juli 13th, 2023 at 10:37 pm

das ist gerade besser als jeder Krimi zu lesen. Ich habe eben noch den letzten blog gelesen und zack kommt schon der nächste. Ich wäre die erste, die ein buch über eure reise kaufen würde. Es liesstbsich phantastisch. Ich drücke euch weiter die Daumen, dass alles klappt. lg konny

Silke
Juli 13th, 2023 at 10:16 pm

Ich freue mich schon sehr auf die Fotos zu dem Blog, bin sehr gespannt…. passt auf euch auf!!!!

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