Longyearbyen

Der wohl schrägste Ort, den wir je besucht haben: Longyearbyen, 2.500 Einwohner, 1906 als Kohleminen-Siedlung gegründet, ist rau, steinig und dreckig. Jede Windbö (und davon gab es reichlich in den letzten Tagen) wirbelt gewaltige Staubwolken auf, die alles mit einer dunkelgrauen Schmutzschicht überziehen. Dazu passt prima das schlammig-braune Schmelzwasser, das mitten durch den Ort fließt. Unmengen von Snowscootern stehen überall geparkt und Kinder spielen auf hoch umzäunten Spielplätzen, der Eisbären wegen. Die hier und da grasenden Rentiere dagegen scheinen sich sicher zu fühlen. An den umliegenden Hängen sieht man Transportseilbahnen und andere Relikte des Kohleabbaus. Denn was vor WW2 entstanden ist, steht auf Svalbard unter Schutz und bleibt einfach, wo und wie es ist. Es gibt eigentlich alles, was man brauchen kann: Hotels, Museen, Universität, Hospital, Kirche und einen Supermarkt. Und oben am Hang das moderne Gebäude des Sysselmesteren, Gouverneur von Svalbard. Er und sein Team üben die Verwaltungs- und Polizeitätigkeiten aus, auch unsere Einreise mit eigenem Schiff haben wir hier im Vorfeld genehmigen lassen. Beim Betreten solcher öffentlichen Gebäude muss man übrigens in der Regel die Schuhe ausziehen.

Überwiegend ist die Architektur funktional und schlicht. Wegen des Permafrostbodens, dessen oberste Schicht immer wieder taut und neu gefriert, wird auf tief verankerten Stelzen gebaut, was durch die rasante Erderwärmung immer herausfordernder wird. Überraschend sind die bunten Farben vieler Häuser: Eine Künstlerin hat ein Farbkonzept entwickelt und jede einzelne Nuance ist ein Zitat und kommt in der Natur von Svalbard vor. Doch auch schlicht graue Häuser können es in sich haben. In einem davon finden wir das charmante Café Huskies: Sehr unterkraulte Vierbeiner stehen dem Barista hier personell zur Seite und sorgen durch reine Niedlichkeit dafür, dass der Gast viel länger bleibt als geplant. In der kleinen Fußgängerzone dann reihen sich Outdoorläden, Souvenirshops und Pubs aneinander, es geht erstaunlich lebendig zu. Menschen aus 52 Nationen leben in der Gegend und sind gar nicht arktisch kühl, ganz im Gegenteil, wir kommen überall leicht ins Gespräch und genießen das Sprachengewirr um uns herum. Nach Svalbard einwandern kann jeder, muss sich aber selbst versorgen können. Sozialleistungen oder Altenpflege gibt es nicht, das erklärt das sichtbar niedrige Durchschnittsalter.

Bewegt man sich vom Zentrum weg, laufen immer mehr Leute mit Gewehr auf der Schulter herum. Eisbär-Warnschilder markieren, ab wo dies Pflicht ist. Auch wir haben seit gestern die entsprechende Ausrüstung: eine Signalpistole, um die Tiere mit laut knallenden „Bear Bangers“ zu erschrecken – und für den Ernstfall sowie gegen taube Bären eine schwergewichtige alte Mauser nebst Munition und Übungsmunition. Der Verleiher hat uns ausführlich erklärt, welches das gefährliche Ende ist und wie wir mit dem Ding umgehen sollen. Wir haben beschlossen, es „Mausi“ zu nennen, um ein wenig Distanz abzubauen. Doch bislang waren wir nur einmal außerhalb der als sicher definierten Zone unterwegs, unbewaffnet und ganz komfortabel im Kleinbus. Ein schöner Zufall hat uns die Bekanntschaft von Marcel beschert, dem Honorarkonsul der Schweiz. Der lebt seit 13 Jahren auf Svalbard, hat einen Haufen Wissen über die Gegend, das er mit Begeisterung teilt, und bietet Touren an. Ein paar Kilometer asphaltierte Straße gibt es rund um Longyearbyen, die ist er mit uns (sowie Christian und René von der SY Ashona) abgefahren. Zunächst ostwärts das weite Tal Adventsdalen entlang bis zur letzten noch aktiven Mine 7, dann in die Gegenrichtung zum Vestpynten. Nun wissen wir deutlich mehr über Gletscher, Berge, Geologie, Industrie, Tiere und Geschichte der Gegend. Wir haben gelernt, wie man angreifende Seeschwalben abwehrt und den Eingang des berühmten Global Seed Vault gesehen, wo tief im Berg bei -18 Grad Saatgutproben aus aller Welt sicherheitsverwahrt werden. Und wir hatten eine richtig gute Zeit (Marcels Touren kann man über seine Svalbard-Photography Website anfragen, uneingeschränkte Empfehlung von uns!).

Es waren superschöne Tage hier in der nördlichsten Stadt der Welt. Die Sonne bricht immer noch alle Rekorde, unser Iridium-Problem von der Überfahrt ist gelöst, wir sind frisch verproviantiert – es kann also weiter nordwärts gehen. Spätestens morgen verlassen wir wieder die Welt von Internet und Telefonempfang und werden versuchen, gelegentlich über Satellit zu bloggen. Stay tuned!

Heidi wulf
Juli 9th, 2023 at 8:19 am

Danke für den schönen Bericht und die tollen Bilder. Was ist vom Gletscher oberhalb von Longyearbyen übrig? Der Ort hat sich nicht sehr veraendert. So eine Mausi ist schon gewöhnungsbedürftig, Hauptsache es bleibt beim Üben . Lbgr hup

Svenja
Juli 7th, 2023 at 7:16 pm

Welch Aufwand an einem so remoten (und nicht sonderlich pittoresken) Ort ein Farbkonzept für die Häuser zu entwickeln, dass den natürlichen Farben der Umgebung entspricht. Wahnsinn! Mal wieder beeindruckende Bilder und ja auch ganz schön, dass es nicht nur Bullerbü Landschaften so weit im Norden gibt, das wäre ja kaum zu ertragen 😉

Ludger
Juli 6th, 2023 at 6:12 pm

Liebe Heiks,
das scheint ja der Ruhrpott Norwegens zu sein – rauer Scharm und Industriebrachen. Ich dachte das gäbe es exklusiv nur im Pott! Reisen bildet – wieder was gelernt. Noch eine wunderbare Zeit mit Mausi, Hundi und Flying Fishi…. Liebe Grüße vom Schreibtisch, Ludger

Heike
Juli 6th, 2023 at 6:24 pm

Ludgi, vielen Dank, jedes Mal so schön, von dir zu lesen! Alles Liebe von Pott zu Pott nach Duisburg!!!

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