Long way home

Wir und 81 Kilo Gepäck sind seit Montagabend zu Hause! Fünf anstrengende, aber überwiegend schöne Reisetage liegen hinter uns. Wie eine Mischung aus Fremdgehen und Verrat fühlt es sich heute vor einer Woche in Nesna an, nicht mit Flying Fish abzulegen, sondern auf dem Hurtigruten-Schiff „Nordlys“ einzuchecken. Seltsam auch, den ganzen Tag ohne eigene Verantwortung einfach an Deck zu sitzen und vertraute Landschaften und Orte mit 15 Knoten vorbeifliegen zu sehen: Sandnessjøen und die Syv Søstre, Rødøya, Brønnøysund, Torghatten mit seinem Durchschuss-Loch, auch Rørvik sehen wir nochmal, dann schippern wir in die Dunkelheit der Nacht. Gediegen und friedlich geht es zu an Bord, im Aufenthaltsbereich auf Deck 7 gibt es gemütliche Sitzgelegenheiten, die allermeisten Passagiere sind deutlich älter als wir, schon tagsüber hören wir aus vielen Sesseln sanftes Geschnorchel. Wir gehen davon aus, hier nach der Abendessenzeit ziemlich allein und ungestört auf einem der Sofas nächtigen zu können. Denn eine Kabine haben wir nicht gebucht, bei Passagen unter 23 Stunden Dauer geht das. Leider findet sich aber an Bord genau eine recht vitale und trinkfeste Gruppe Party-People, die es liebt, gemeinsam norwegische Lieder zu singen. Sehr laut und sehr ausdauernd. Nennenswert viel Schlaf hatten wir also nicht, als wir Freitag früh in Trondheim anlegen.

Trondheim, Norwegens drittgrößte Stadt, präsentiert sich grau in grau mit Dauerregen. Zum Glück ist es nicht allzu weit zum Hotel und wir schaffen es, unsere Taschen und Rucksäcke halbwegs trocken dort abzuladen, bevor wir uns dem Sightseeing widmen. Auf dem eher trostlosen Marktplatz gibt es ein Standbild des Stadtgründers zu bewundern und wir drehen eine Runde um den berühmten Nidarosdom, die Kathedrale von Trondheim, in der fast 1.000 Jahre lang die norwegischen Könige gekrönt wurden. Auch die Gamle Bybro gehört zum Touri-Pflichtprogramm, die dunkelrote Stadtbrücke von 1861 führt über den Fluss Nidelva in das urige Altstadtviertel Bakklandet mit seinen bunten Holzhäusern. Bei Licht sicher ein toller Anblick! Als wir überlegen, in welche Eintrittsgelder wir investieren möchten, um endlich ins Trockene zu kommen, finden wir heraus, dass heute die jährliche „Kulturnatt“ stattfindet. Das bedeutet, dass alle Kulturstätten bis in die Nacht geöffnet UND gratis sind, der Abend ist gerettet. Wir lassen uns durch Museen, Galerien und die „Sparebank“ mit ihrer Kunstsammlung treiben und lauschen noch eine Weile den Chorgesängen im Nidarosdom. So endet ein weiterer Abend mit Musik, diesmal klingt sie professionell.

Samstag früh geht es weiter mit der Bahn gen Oslo und ab Lillehammer bringt strahlende Sonne die herbstliche Landschaft zum Leuchten. Aus dem Hauptstadt-Bahnhof stolpern wir am Nachmittag in das pralle Leben, zu all den Flaneuren kommen noch 20.000 Teilnehmer des Oslo-Marathon. Die Stadt ist eine einzige Reizüberflutung, im positiven Sinne: spektakuläre Gebäude von Architekten aus aller Welt, Kunst und Skulpturen, wohin man auch schaut, dazu Grünanlagen und eine beeindruckende Vielzahl an Museen. Wir mäandern herum, fotografieren den Speicherchip voll. Unser Lieblingsgebäude ist das Opernhaus aus weißem Marmor direkt am und im Oslofjord, das an einen treibenden Eisberg erinnert. Direkt in der Nachbarschaft sind kleine und große Saunen vertäut, immer wieder öffnet sich irgendwo die Tür und aus dem Dampf springen ganze Gruppen ausgelassen ins Fjordwasser. Hier ist es chic und lebendig, cool und gemütlich zugleich. Unsere Zeit reicht nicht für Museumsbesuche und ohnehin ist das Wetter zu schön für geschlossene Räume, doch wir schaffen es noch, zumindest einen Teil des Ekebergparken zu erkunden. 44 Skulpturen meist namhafter Künstler säumen die Wege, wir bewundern skurrile, witzige, schöne, hässliche und rätselhafte Werke – darunter auch das obige „The Couple“ von Louise Bourgois.

Am Sonntag auf der MS Color Magic herrscht Kreuzfahrtatmosphäre pur. Das 224 Meter lange Schiff fasst bis zu 2.750 Passagiere und ungefähr so viele sind es wahrscheinlich auch, die hier an Bord wollen, schnatternd, drängelnd, rempelnd. Man berührt sich, man riecht sich, doch neben einer asiatischen Gruppe sind wir anscheinend die einzigen, die beim Checkin Maske tragen, das erste Mal seit fünf Monaten. Was für ein Glück, bis zum Abend draußen an Deck in der Sonne sitzen, den Oslofjord bestaunen, lesen und quatschen zu können, denn jede andere Aufenthaltsmöglichkeit – außer der eigenen, innen liegenden Kabine – erfordert hier Konsum. Wir fühlen uns ein wenig undankbar, denn was ein tolles Erlebnis sein sollte, empfinden wir gerade als zu eng, zu laut, zu Plastik. Doch die Fährverbindung ist einfach praktisch, herrlich ausgeruht kommen wir am Montagmorgen in Kiel an, nehmen gut gelaunt die letzten Etappen in Angriff – und schaffen es mit der Bahn bis Eckernförde. Dort stehen wir an der Bushaltestelle, wo auf der Anzeigetafel die Linie 711 vielversprechend immer weiter nach oben rutscht. Um schließlich, als die Abfahrtzeit gekommen ist, sang- und klanglos zu verschwinden. „Die streiken heute“, erklärt uns kurz darauf ein innerstädtischer Busfahrer. Uns fällt eine Bahndurchsage wieder ein, über die wir vorgestern bei der Einfahrt nach Oslo belustigt waren: „…and of course we are on time“. Solche Sätze erwarten wir ja gar nicht, aber eine Info bei Totalausfall wäre schon hilfreich. Letztlich bringt uns ein Taxi nach Kappeln zum Auto, das immerhin klaglos anspringt.

Mittlerweile freuen wir uns riesig auf zu Hause und all die geplanten Wiedersehen, auf Restaurantbesuche und bezahlbaren Wein. Doch noch auf der A1 stellt Heiko, der ein ganz kleines Kratzen im Hals fühlt, fest, dass wir ein ziemlich fieses Souvenir im Gepäck haben: fängt mit „C“ an und erfordert Quarantäne, die Fahrt mit der Hurtigrute am Donnerstag war’s, trotz der komfortablen Abstände. So sind wir nun erstmal isoliert in Köln, richten uns in unserer Wohnung wieder ein, telefonieren viel und schwelgen in Erinnerungen an 1.444 Seemeilen mit Flying Fish in Dänemark und Norwegen, an Landschaften und Begegnungen. Über den Winter werden wir Pläne schmieden, wie es im nächsten Jahr weitergeht: Auf jeden Fall wollen wir zu den Lofoten, doch steuern wir danach das Nordkap an? Oder sogar Spitzbergen? Mehrmals haben wir gehört, dass in den letzten Jahren die Einreisebedingungen für Segler immens verschärft wurden, die Details gilt es nun herauszufinden. Für dieses Jahr verabschieden wir uns. Tausend Dank euch allen für die Begleitung, wir haben uns riesig über das Feedback gefreut und hoffen, dass ihr wieder dabei seid, wenn es weitergeht.

Best Wishes from the Fishes und bis bald!

Florian
September 25th, 2022 at 8:28 pm

Schön, dass ihr wieder heil zurück in Köln seid! Ich hoffe das „C“ ist allerhöchstens nervig und schnell wieder vergessen! Dann sehen und hören wir uns ja sicherlich bald wieder.
LG aus Bonn

Ruby Tuesday
September 23rd, 2022 at 10:35 am

Congratulations on a great season! Yes, it only seems like yesterday we were in Kappeln together. A lot of miles sailed since then – we’ve enjoyed following your blog and your adventures. Norway looks an amazing place – must try and get up there sometime ourselves.Sorry to hear about the covid, and hope you recover soon. Have a good winter! From Ruby Tuesday.

Jörg Hattermann
September 22nd, 2022 at 5:49 pm

Welcome back home!
…und gute Besserung! Nach dem Männerschnupfen ist das hoffentlich ein Klacks!?
LG aus Cadiz

SY Fat Mermaid
September 22nd, 2022 at 5:28 pm

Alles Gute für den Kranken! Es ist so schön, Euch wieder in Köln zu haben. Wenn der C-Mist erledigt ist, sehen wir uns in der Küche….

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SY Flying Fish by Heiks
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