Finale

Zwischen Træna und unserem Winterlager liegt ein letzter Zwischenstopp, im Hafen der Insel Lovund. Sie ist bekannt für guten Lachs und die große Puffin-Population, die sich hier zwischen April und August tummelt. Doch Fisch fangen wir selbst und die lustigen Vögel sind längst abgereist, wir wollen einfach nur nochmal auf einen Berg und dieser liegt auf dem Weg. Der Aufstieg zum Lovundfjellen ist ein guter Abschluss und ganz nach unserem Geschmack: mal flach, mal steil, ein wenig Waldweg, einiges Gekraxel über Felsen, abwechslungsreiche Landschaft. Oben in 623 Metern Höhe pfeift der Wind eiskalt, trotzdem genießen wir ausgiebig all die letzten Male: den Gipfelbucheintrag, die Blicke auf Inseln, Berge und den Svartisengletscher, das Picknick mit View. Diese Weite, die klare Luft und die scharfen Kontraste, das alles wird uns sicher fehlen. Heiko nimmt auf dem Rückweg noch ein letztes, kurzes, schnelles Bad im Meer, zwei Stunden später folgt auch schon der letzte Ableger und die letzte Segeletappe geht los.

Die 23 Seemeilen nach Nesna sind purer Genuss. Die Sonne scheint, wir sind bei drei bis vier Beaufort auf Raumschotskurs unterwegs, haben Groß- und Klüversegel gesetzt. Wunderbar vertraut, selbstverständlich und sicher fühlt sich das an, die Routinen sitzen. Gerade ist es kaum mehr vorstellbar, wie herausfordernd diese Saison manchmal war, mit unsichtigem Wetter, Hack-Wind, gnadenlosen Wellen, Regen quer. Nur eines ist über die ganze Zeit gleichgeblieben: unser begeistertes Staunen, wenn dieses fantastische Schiff anspringt und jede kleine Böe in Geschwindigkeit umsetzt, herrlich leicht mit der Pinne zu steuern. Für die Unterbrechung des perfekten Segelfriedens sind wir dann ganz allein verantwortlich, als wir beschließen, erstmals unterwegs die Drohne fliegen zu lassen. Zwar wechseln wir zur Vorsicht zum kleineren Vorsegel, um langsamer zu sein und leichter manövrieren zu können, und machen uns auch sonst viele vorausschauende Gedanken, dennoch bricht Chaos aus: Erst gerät das eigenwillige Fluggerät außer Reichweite und reagiert nur noch selektiv auf die Fernsteuerung, so dass wir hektisch die Fock bergen und ihm unter Motor entgegenfahren. Dann will das Biest nicht näherkommen, um zu landen, sondern lieber zu seinem Startpoint zurückkehren – da sind wir aber schon lange nicht mehr!  Gleichzeitig entlädt sich der Akku rasant. Ganze zwei Minuten vor Selbstversenkung fängt Heiko das Ding beherzt aus der Luft im Vorbeiflug. Der Preis sind ein paar angeschredderte Fingerkuppen, doch endlich haben wir Fotos von Flying Fish unter Segeln (wenn auch teils mit panikbedingt schlechtem Trimm)!

Wir erreichen Nesna letzte Woche Mittwoch bei Dunkelheit, legen längsseits auf einem Gästeplatz an. Endstation für dieses Jahr. Es fühlt sich seltsam an, wieder in einer größeren Festland-Marina zu sein, wo wir doch sonst nach den kleinen, abseitigen Orten suchen. Doch für die Überwinterung scheint dieser geschützte Ort perfekt. Hier oben ist es üblich, Segelboote über die kalte Jahreszeit im Wasser zu lassen, denn wegen des Golfstroms gefriert das Meer nicht. Für Flying Fish ist das schonender als mit stehendem Mast auf dem Trockenen dem Wind ausgesetzt zu sein, für unsere Nerven ist es das sicher nicht. Seit Freitag sind wir etwas beruhigter, da kam Hafenchef Bjørnulf vorbei, erwies sich als sympathisch und verbindlich, und bekräftigte nochmal alle telefonischen Absprachen: In circa zwei Wochen wird unser Schiff auf einen geschützteren Liegeplatz mit Fingerstegen verholt, direkt neben dem seiner Najad, und in alle Richtungen mit Leinen und Fendern gesichert. Er wird sich dann um beide Schiffe kümmern, sogar regelmäßig das Landstromkabel anschließen, um die Batterien nachzuladen. Außerdem sind ab Oktober Grete und Ragnar hier im Hafen. Sie überwintern auf ihrer „Ariana“ und werden ebenfalls ein Auge auf Flying Fish haben. Genau wie wir dann aus der Ferne über die Hafen-Webcam.

Die Tage seit unserer Ankunft in Nesna waren voll und anstrengend und bei uns herrscht neben aller Vorfreude auf Familie und Freunde auch eine gewisse Grundanspannung, denn diesmal sollten wir nichts übersehen oder vergessen. Die großen, wichtigen Dinge sind mittlerweile erledigt: Wir konnten die Segel trocken abschlagen und ins Schiffsinnere verfrachten, Motor und Außenborder sind winterfest gemacht, frostempfindliche Lacke und Farben im Clubhaus der Marina eingelagert, die Persenning für das Cockpit vorbereitet. Doch es steht auch noch viel auf den zahlreichen Listen. Der morgige Tag bleibt uns noch, am Donnerstag machen wir uns auf den langen Weg zurück nach Köln, per Hurtigrute, Bahn, Fähre, Bus und Auto. Nächsten Dienstag sind wir zurück und werden in den Tagen darauf sicher nochmal berichten.

Tiefers
September 15th, 2022 at 3:11 pm

Die Fernwehberichte und -bilder werden uns fehlen! Aber es geht ja dann weiter, wenn der Fish seinen Winterschlaf absolviert hat.
Für eure Rückkehr haben die Wiesen in Köln wieder einen leichten Grünschimmer angenommen, so sieht es nicht ganz so trostlos aus in der Schmuddel-Hauptstadt!

Ruby Tuesday
September 14th, 2022 at 9:09 pm

Congratulations on a great season! The light is so beautiful on many of your photos. And a great story on the drone – you were lucky to get it back again. My greatest fear if we had one would be losing it to the depths!

Heiko
September 15th, 2022 at 2:47 pm

i had this fear too, besides the fear for my fingertips

Hup
September 14th, 2022 at 8:59 am

Lovund von seiner schönsten Seite. Wir haben den Berg in Wolken erlebt und sind mit dem Steg auf Drift gegangen. Schreckmomente.
Ein sehr schöner Saisonabschluss für euch. Gute Heimfahrt und lbgr hup

Heiko
September 15th, 2022 at 2:45 pm

Wir hatten auch unsere Zweifel, ob uns das Fingerstegchen aushält – offensichtlich zu Recht…

Peter
September 13th, 2022 at 11:20 pm

Was eine schöne Reise – und alles wohlfeil beschrieben und bebildert. Ein großer Spaß, Euro Blog zu folgen – Danke dafür! Vielleicht mal wieder auf einen Salat im Palanter? Gute Heimreise wünscht Peter

Heiko
September 15th, 2022 at 2:41 pm

Danke fürs Mitreisen – auf den gemeinsamen Salat im Palanter freuen wir uns schon sehr!

Silke
September 13th, 2022 at 11:05 pm

Liebe Heiks, besonders habe ich mich bei diesen letzten Bildern über den schönen meist blauen Himmel für euch gefreut…. ich danke für die tollen Reiseberichte…

Heiko
September 15th, 2022 at 2:40 pm

Ja, der September hat mal gezeigt, wie schön es hier im Sommer wirklich ist.

Hattermann Jörg
September 13th, 2022 at 10:57 pm

Heyho! Eure Saison endet und unsere beginnt. Komisch! Aber wir sind wohl die, die antizyklisch unterwegs sind. Euch eine gute Heimreise und uns eine hoffentlich orcafreie Zeit!
Knutscher aus Faro

Heiko
September 15th, 2022 at 2:38 pm

Über Winter müssen wir dann wohl von Euren Abenteuern zehren – nehmen wir gern auch ohne Orcas…

Ludger
September 13th, 2022 at 9:59 pm

Liebe Heiks,
klare scharfe Konturen von Felsklötzen im Wasser, und feine Berichte über eine Landschaft, die aus der Zeit gefallen scheint! Kommt sicher und heil im Alltag in Köln an, ein Unterfangen, das nach dieser Reise sicherlich nicht einfach wird, Zum Glück lebt ihr in Köln…. LG aus den Dolomiten, Ludger

Heiko
September 15th, 2022 at 2:36 pm

…wir haben ja jetzt noch 4 Tage Rückreise vor uns, um uns an den Gedanken wieder in Köln zu sein zu gewöhnen…

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