Namdalen

Wir haben ganz schön was weggeschlafen in der letzten Woche! Nach vier Tagen, die wir in Lysøysund verbringen, bleiben Supermarktbesuche und Wäsche waschen unsere einzigen nennenswerten Leistungen dort. Es folgen drei Tage in Hongsand, wo wir, gut festgebunden an einem stabilen Steg, stürmischen Wind mit Böen bis 47 Knoten aussitzen – und zumindest zwei Mini-Wanderungen unternehmen: Die erste führt auf ein Berglein mit dem lieblichen Namen „Klumpen“. Eine weitere hat „Kiran“ zum Ziel, jedoch ist der Weg irgendwann so sumpfig, dass wir umkehren und somit nicht erfahren, ob Kiran ein Berg, Ort oder Parkplatz ist. Als wir letzten Freitag von Hongsand aufbrechen, sind wir endlich wieder halbwegs genesen und in alter Form.

Unsere Weiterfahrt führt durch das ungeschützte Seegebiet Folda. Eigentlich freuen wir uns auf entspanntes Leichtwindsegeln, doch der Seegang ist infolge des stürmischen Windes der letzten Tage so heftig, dass kein Segel steht, wir nur hin und her geworfen werden und letztlich ohne Motor nicht vorankommen. Entsprechend groß die Erleichterung, als wir die Durchfahrt zu unserem Ziel und endlich ruhiges Wasser erreichen. Wir machen fest am kleinen Gästesteg der Insel Villa, die uns sofort begeistert: bebaut mit nur einer Handvoll Häusern, ansonsten viel Natur und mittendrauf der historische Leuchtturm Villa Fyr. Als er im September 1839 erstmals über das Meer blinkte, war er der nördlichste von Norwegen und wahrscheinlich sogar der ganzen Welt. Längst ist er nicht mehr in Betrieb, wird aber als einzigartiges technisches Kulturdenkmal instandgehalten. Wir nutzen seine steinerne Außenwand als warme Rückenlehne und genießen den Blick über Insel und Umgebung. Und nachdem ein Angelausflug per Dinghi erfolglos bleibt, dezimieren wir noch ein wenig die riesige Makrelenpopulation, die sich direkt vor dem Steg tummelt, und versorgen uns gleichfür zwei Mahlzeiten.

Die nächste Etappe ist kurz, aber endlich mal wieder purer Amwind-Segelspaß auf offener See. Es geht nach Sør-Gjæslingan, einst das größte und wichtigste Fischerdorf südlich der Lofoten und zu dieser Zeit von enormer wirtschaftlicher Bedeutung. Es besteht aus mehreren Inseln, auf denen sich während der Saison bis zu 4.000 Fischer versammelten. Sie lebten in „Rorbuen“, auf Pfählen gebauten Saisonunterkünften, von denen einige erhalten und als nationales Kulturgut geschützt sind. Sie und ein paar andere alte Gebäude werden heute an Feriengäste vermietet, die per Fähre anreisen. Es geht beschaulich zu: Ein kleines Geschäft öffnet zwei mal täglich für eine halbe Stunde, Strom wird nur tagsüber von einem Generator erzeugt, Samstag und Sonntag gibt es Kaffee und frisch gebackene Waffeln. Der Rest ist Landschaft und Atmosphäre und mehr braucht es nicht.

Gern hätten wir danach, bei unserem Stopp im nahegelegenen Rørvik, noch mehr über das damalige Leben auf Sør-Gjæslingan erfahren. Dort gibt es in einem markanten Gebäude das Kulturzentrum und Museum Norveg, das 10.000 Jahre Geschichte des Menschen in dieser Gegend zum Thema hat. Doch just seit dem Wochenende sind die Öffnungszeiten so knapp bemessen, dass wir den Besuch nicht hinbekommen haben. Namdalen, die Region, in der wir uns befinden, rutscht derzeit (wie der Rest des Landes vermutlich ebenfalls) entschlossen in den Nachsaison-Modus. Das äußert sich nicht nur in Öffnungszeiten. Es sind auch immer weniger Boote (insbesondere kaum noch Segler) unterwegs, manchmal bleibt Flying Fish die einzige Yacht am Gästesteg. Doch einsam ist es nicht. Uns kommt es vielmehr so vor, als würden die Menschen nordwärts kommunikativer, interessanterweise auch über die üblichen Artengrenzen hinweg. Wir quatschen mit Motorbootcrews über Schiffe und Häfen, tauschen uns mit Angeltouristen über Reise- und Urlaubsarten aus, lernen Auswanderer kennen, die ihr Glück in Norwegen gesucht und gefunden haben, treffen freundliche und offene Einheimische, die wissen möchten, wo wir herkommen und hinmöchten. Niemand ist auf der Suche nach Freunden fürs Leben, auch wir nicht, aber es herrscht ein wohlwollendes Interesse aneinander, das wir sehr schätzen. Vielleicht liegt es auch ein Stückweit am Wetter, denn gerade versucht der August wettzumachen, was der Juli verbockt hat.

Brigitte
August 21st, 2022 at 9:29 am

Gut das es euch wieder besser geht. Es sieht soo schön und romantisch aus.
Wir drücken euch die Daumen für mehr gutes Wetter! R&B

Rudis Personal
August 18th, 2022 at 5:26 pm

Soooooo tolle Fotos, liebe Heiks! Und das Thema mit der Angel müssen wir bei Gelegenheit am Rhein vertiefen 😀.
Sør-Gjæslingan klingt ja nach einem kleinen Paradies….

Heiko
August 19th, 2022 at 12:19 pm

Dann sieh mal zu, dass wieder Wasser im Rhein ist, wenn wir wieder kommen.

Svenja
August 18th, 2022 at 8:16 am

Schön zu lesen, dass es euch wieder gut geht! Ich drücke euch den Daumen, dass ihr wettertechnisch auf der Sonnenseite bleibt und doch noch ein bisschen Sommer bekommt.
Liebe Grüße, Svenja

Heiko
August 19th, 2022 at 12:18 pm

Danke, sieht nicht hoffnungslos aus…

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