Schräge Vögel

Fünf Tage in Velas auf São Jorge und wir wurden sogleich eingemeindet, manchmal hat man einfach Glück. Direkt nach unserer Ankunft am Donnerstag stießen wir auf die jährliche „Festa de São João“, das in vielen portugiesischen Städten stattfindende Fest zu Ehren des Heiligen Johannes. Was für eine schöne Art des Zelebrierens: eine geschmückte Altstadtstraße mit kleiner Bühne am einen Ende und einem großen Essensausgabe-Stand am anderen, dazwischen eine bestimmt fünfzig Meter lange Tafel mit weißen Tischdecken und zusätzlich Sitzbänke am Straßenrand. Jeder stellt sich geduldig und gut gelaunt an, bekommt Suppe, Kartoffeln, gegrillte Sardinen und Sangria, bedient sich dazu an Brot und Käse. Bezahlt wird mit einem Lächeln. Uns beköstigt Mario, der sehr besorgt ist, dass wir eventuell nicht satt werden könnten und meint, wir sollten weniger bescheiden sein. So suchen wir uns mit vollgepackten Tellern ein Plätzchen am Rand, genießen und beobachten und fühlen uns mal wieder ganz schön wohl. Unsere Idee, uns durch den Kauf von Losen ein wenig für die Gastfreundschaft von Velas zu revanchieren, erweist sich als schwierig: für nur einen Euro bekommt man schon vierzig Lose, nach dem Kauf von achtzig Stück sind wir eine ganze Weile beschäftigt mit dem Enttüdeln der kleinen Papierröllchen. Am Ende haben wir 79 Nieten und einen Gewinn: ein kleines, grünes Porzellantellerchen, das, nun ja, unseren Geschmack nicht hundertprozentig trifft (die Gewinne erinnern ein wenig an das vorweihnachtliche Schrottwichteln zu Hause und stammen offensichtlich aus den Abstellkammern hiesiger Haushalte). Bei näherem Hinsehen hatten wir noch Glück, die meisten Scheußlichkeiten auf dem Los-Stand sind deutlich großformatiger und wir hätten nicht gewusst, ob Weiterverschenken üblich oder unhöflich ist.

 

 

Direkt am nächsten Abend treffen wir nach einem Streifzug durch den Ort unseren Wohltäter Mario zufällig wieder, als er mit einem Kumpel auf dem Bürgersteig vor dem Café São João sitzt. Er möchte gern wissen, wie uns das Fest gefallen hat, so holen wir ein paar Bier und gesellen uns dazu. Es bleibt nicht bei einer Runde, die Gruppe auf der Straße wird immer größer und im weiteren Verlauf lernen wir die unterschiedlichsten Leute kennen: neben Mario und seiner Tochter Ana zum Beispiel den Barbesitzer Vasco, der ein begnadeter Musiker ist und später Fado für uns singt und spielt. Seine herzliche Frau Susana, ausgestattet mit der dreckigsten Lache der Welt, und deren zurückhaltendere Schwester Paula. Dann Radiomoderator Carlos, an dem eine ganze Mannschaft Komiker verloren geht. Dass hinter der Clownsfassade ein nachdenklicher Künstler steckt, finden wir nach und nach heraus. Ein weiterer Carlos ist Taxifahrer und gilt als geschwätzig, die Truppe bremst ihn regelmäßig aus, indem sie kollektiv „I wish you a merry Christmas“ in sein Ohr brüllt (am Ende schwankt er und summt das Lied selbst vor sich hin). Die Stimmung auf der Straße und später in der Bar ist großartig, interessante Gespräche wechseln sich ab mit Gelächter und Albernheit, bis Bauchweh einsetzt. Als wir uns in Richtung Flying Fish verabschieden, sind wir für den nächsten Abend zum Lobster essen zu Susana und ihrer Familie eingeladen, ein paar Freunde kommen auch.

 

 

Leicht unsicher trudeln wir dort ein: war es eine Übersprungshandlung unter Alkoholeinfluss, dass wir eingeladen wurden oder will man uns wirklich dabei haben? Ist es nicht total unbequem für die Gastgeber, uns zu integrieren? Denn nicht alle sprechen Englisch und wir überhaupt kein Portugiesisch. Unsere Zweifel zerschlagen sich nach wenigen Minuten, im Haus von Susana und Vasco geht es einfach nur entspannt und herzlich zu. Sie leben dort mit drei Generationen, den zwölfjährigen Vaskito kennen wir schon vom Vorabend, Teresa, dessen Großmutter, findet es anscheinend völlig normal, dass zwei Fremde mit am Tisch sitzen, und begrüßt uns wie lang vermisste Familienmitglieder. Das Essen in der gemütlichen Küche ist einfach und köstlich, jeder bedient sich nach Lust und Laune. Wir sind besonders begeistert von den zwei Sorten Lobster, die schlicht unter Beigabe einer halbierten Zwiebel in Meerwasser gekocht und dann zerteilt wurden. Mario sitzt an der Quelle, er kauft die Tiere von den Fischern der Nachbarinsel Pico und verschifft sie zwei Mal wöchentlich aufs portugiesische Festland. Er erzählt uns von dem „Lotaçor“-Qualitätssiegel, das hier auf den Inseln erfolgreich etabliert wurde, es steht für Qualität und Nachhaltigkeit. Jenseits vom Geschäftlichen haben unsere neuen Freunde kein allzu großes Interesse an Portugal, fühlen sich als Azoreaner auf dem Festland nicht wirklich ernst genommen. So würden zum Beispiel in den dortigen Lehrplänen die ehemaligen portugiesischen Kolonien ausführlich behandelt, während die Azoren nur als Randnotiz vorkämen. Auch dass die Inselgruppe in der Fußballnationalmannschaft mit bloß einem einzigen Spieler vertreten ist, findet man hier nicht gut und ignoriert die EM weitgehend. Ohnehin gibt es abends besseres zu tun: wieder wird Musik gespielt, Teresa und Vasco singen hinreißend. Manche Lieder stammen aus der Zeit der Revolution gegen die Salazar-Diktatur, wie uns Mario erklärt. Wieder mal schade, die Sprache nicht zu verstehen, doch „außen vor“ fühlen wir uns kein bisschen.

 

 

Zu später Stunde klingt dieser außergewöhnliche Tag aus wie alle vorherigen, seit wir auf São Jorge sind, wir sitzen noch eine Weile auf Flying Fishs Vorschiff, lassen das Erlebte Revue passieren, lauschen und staunen. Denn in den steilen Klippen hinter der Marina wohnen Cagarros (Gelbschnabel-Sturmtaucher) und sie möchten, dass man von ihrer Anwesenheit weiß. Bis zu vierzig Jahre werden diese Zugvögel alt und Paare bleiben ein Leben lang zusammen. Sie fliegen sehr weite Strecken von den Küsten Afrikas und Nordamerikas über das Meer, um im Frühjahr an Klippen in Mittelmeer und Nordatlantik zu nisten, achtzig Prozent des Weltbestandes landen auf den Azoren, das sind rund eine Million Tiere. Diese Vögel zwitschern nicht, sondern kreischen lautstark und mit von Tier zu Tier erstaunlich individueller Stimmlage so etwas wie „aua-aua-aua“. Wir haben nie Ähnliches gehört und können uns jeden Abend aufs Neue für die ungewöhnlichen und lustigen Töne begeistern. Das geht wohl nicht jedem so, denn angeblich ist „Cagarro“ ein schlimmes Schimpfwort, mit dem zeternde Frauen bedacht werden. Doch nicht von uns, wir haben hier noch niemanden zetern hören, für uns sind die Azoren nach wie vor der Inbegriff von Freundlichkeit und Herzlichkeit. Die Cagarros von Velas klingen übrigens so:

Und – kaum zu unterscheiden – das hier ist Heikos beste Cagarro-Imitation:

 

Ludger
Juni 28th, 2016 at 3:41 pm

Liebe Heiks,
das sind ja die besten Heiligenscheine der Welt, die den Gitarrissimo zieren! Mit Wäscheklammern gespickt kommt der bestimmt von Gott Ariel.
Da ihr ja in der Karibik nach Norden abgebogen seit, kommt ihr auch nicht in Madagaskar vorbei! Dort hättet ihr unsere Gäste der letzten Woche treffen können. Mit ihnen haben wir einen ähnlichen Abend erlebt wie ihr auf den Azoren – halt nur bei uns im Garten und ohne (!) Daunenjacken! Nach dem Barbecue gab´s typical Musik mit allem, was unser Instrumentenvorrat her gab. Fehlte am Abend nur noch das Geschrei von Heiko! Aber das haben wir jetzt fürs nächst Mal auf Band.
Noch weitere tolle und erlebnisreiche Abende,
Grüße vom Schreibtisch, Ludger

Holger
Juni 28th, 2016 at 8:38 am

Tolle Begegnungen!

Lindenthaler
Juni 28th, 2016 at 6:30 am

Meine liebsten Heiks!
Ich freue mich so sehr für euch für diese Erlebnisse…

Dönne
Juni 28th, 2016 at 5:43 am

Heiko, wie viel Promille?

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