Gelebte Prokrastination

Oder gibt es sogar noch ein präziseres Fremdwort speziell für das Aufschieben von Abreisen? Horta und die Insel Faial haben wir nur sehr schweren Herzens verlassen können, nach zweieinhalb Wochen, so lange waren wir sonst nirgends. Immer wieder fiel uns etwas ein, das weitere Verzögerungen rechtfertigte: so mussten wir dringend noch Post erledigen, auf dem Monte Guia picknicken, das Schuhgeschäft in Porto Pim aufsuchen, in der Hängematte rumhängen, zuletzt befand sich einfach eine unschöne Wolke über der Nachbarinsel, während in Horta die Sonne schien, dazu der Reiz, einen weiteren kurzweiligen Abend mit Cati und Johannes von der „Maverick too“ zu verbringen – Aufbruch unmöglich! Und wir bereuen nichts, auch die restliche Zeit auf Faial war großartig, nicht zuletzt wegen der schon erwähnten Geselligkeit und Atmosphäre. Jeder quatscht mit jedem und bei allen Gelegenheiten bekommt man ein Lächeln geschenkt. Dann die vielen schönen Gewohnheiten: immer wieder zog es uns am Vormittag zu Kaffee und Hochgeschwindigkeits-Internet in den Clube Naval, am Abend ins gut-günstige Restaurant Atlético und später auf einen Gin Tonic zum Peter Café Sport. In letzterem spielte gelegentlich Livemusik, allein an zwei Abenden trat der kapverdische Sänger und Gitarrist Jaime Goth auf und versetzte den ganzen Laden in rhythmische Zuckungen. Schon schreitet unsere Wiederakklimatisierung voran: die Konzerte begannen um 23 Uhr, ein krasser Unterschied zur Karibik, wo um diese Zeit wegen der früh einsetzenden Dunkelheit „Sailor’s Midnight“ lange vorbei ist. Doch auch eine Gemeinsamkeit fiel auf: hier wie dort geht es nicht ohne Bob Marley-Coverversionen.

 

 

Ein weiteres Mal hat es uns auch zur Nordküste von Faial gezogen, dort bietet „Pátio Horse & Lodge“ geführte Ausritte auf Lusitano-Pferden durch die schöne Landschaft um Cedros an, für mich als ehemaliges Pferdemädchen natürlich ein Traum. Heiko, der große Tiere eigentlich am liebsten mit Messer und Gabel anfasst, ist eher aus Solidarität denn echtem Enthusiasmus mitgekommen, fand aber schnell Gefallen an dem Gefühl von Freiheit und Abenteuer und der Erkenntnis, dass Kühe vom Pferderücken aus weniger furchterregend sind als auf Augenhöhe. Die sympathische Carine war uns ein prima Guide und der Ausflug nur deshalb nicht absolut perfekt, weil der Pátio-Chef seinem elfjährigen Sohn erlaubte, uns zu begleiten. Ein unablässig fluchendes kleines Monster, das mit dem vorher selbst ausgesuchten und erquengelten Pferd überfordert war (aber auch um keinen Preis bereit war zu tauschen) und es deshalb lautstark spätestens am nächsten Tag auf dem Schlachthof wissen wollte „oder bei den Chinesen“.

 

 

Natürlich haben wir uns auch mit einem Flying Fish-Gemälde auf einer von Hortas Hafenmauern verewigt, in bester Nachbarschaft neben „Midnight Sun“ und „Seawind“ (und auch die „Mavericks“ wollen sich noch dazu gesellen, sofern sie demnächst ihre spezielle Prokrastinations-Variante überwinden). Das Hinterlassen von Schiffslogo, Crewnamen und Datum ist eine Tradition seit den 1970er Jahren, tausende haben das schon getan und es ist ein riesen Spaß, herumzuschlendern und nach besonders schönen Motiven und bekannten Schiffen zu suchen. Wir selbst hatten es nicht leicht mit unserem Bild: als der Schriftzug ungefähr zur Hälfte gepinselt war, erschien plötzlich der Rasenmäher-Mann, um das in Luv gelegene Grün zu stutzen. Netterweise bot er an, erst anderswo weiter zu arbeiten und in einer Stunde wiederzukommen, so konnten wir einen provisorischen Windschutz installieren und das Bild bekam nur Teile der Wiese ab, die kurzerhand in die Lackschicht integriert wurden. Kaum war das Ganze fertiggestellt, musste am Abend genau dort ein kleiner Junge auf der Betonschräge spielen und hinterließ seine Spuren in der frischen Farbe. Seit wir auch diese am nächsten Tag sorgfältig ausgebessert haben, ist nun endlich Frieden um unser Kunstwerk. Je nachdem, welcher (Aber)glaube zutrifft, werden wir also einst in den Hafen von Horta zurückkehren und/oder einfach allgemein mit Glück überschüttet, uns wäre beides sehr recht.

 

 

Einziger Wermutstropfen der letzten Zeit ist mal wieder die Vielzahl an Abschieden von netten Menschen. „Midnight Sun“ und „Inua“ haben schon bald nach unserer Ankunft abgelegt, auch die „Seawind“ ist wieder auf See. Mit der Crew der „Sif“ konnten wir zum Glück noch einige Zeit verbringen, Christina, Soren und ihre drei Töchter sind uns wirklich ans Herz gewachsen. Inzwischen mussten wir auch ihnen hinterherwinken, aber bis zum Wiedersehen in Dänemark, Deutschland oder Holland bleiben neben vielen Erinnerungen on top die an einem trüben Regentag gemeinsam gebastelten „Yeah, I have crossed the Atlantic“-Heldenarmbänder aus Schäkeln und bunten Tampen, die bestimmt der internationale Sommertrend 2016 werden. Heute dann ist uns tatsächlich der Absprung von Faial gelungen! Cati und Johannes haben uns die Leinen losgeworfen, auch dies ein bedauerlicher Abschied, aber bei den zweien besteht immerhin die Hoffnung, dass wir uns in den nächsten Wochen noch mal über den Weg segeln. Nun sind wir nach zwanzig Seemeilen im kleinen Hafen von Velas auf der Insel São Jorge angekommen. Der Ort sieht gemütlich aus und angeblich gibt es heute ein Fest, bei dem aus irgendeinem Grund massig Sardinen gegrillt werden. Oder ohne Grund. Das schauen wir uns jetzt mal an…

 

 

Tiefers
Juni 26th, 2016 at 10:03 pm

Am 24.6. feiert ganz Portugal incl Azoren doch mit Sardinen und anderen verheißungsvollen Genüssen den Hl. Johannes: Sao Joao. Wir haben ihn hier dagegen tagelang mit Regen begossen!
Euch viel Spaß auf Sao Jorge – euer Horta-Bild müssen wir unbedingt bei Gelegenheit vor Ort bewundern!
Ahoi aus dem Heimathafen (braucht auch bald ein Segel, um den Kölner Fluten stand zu halten….

Ludger
Juni 24th, 2016 at 9:13 am

Liebe Heiks,
gefährliche Wörter verwendet ihr da! Dem schnellen Leser am Schreibtisch ist Prokastration ins Auge gesprungen. Und dann die Bilder mit Pferden – ich ahnte Schlimmes. Zum Glück scheint aber alles noch in Ordnung.
Herzliche Grüße vom Schreibtisch, Ludger

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