Maravilha

Die Verfasserin dieser Zeilen möchte sich eigentlich vor Begeisterung überschlagen, nimmt sich aber jetzt zusammen und wahrt einen halbwegs sachlichen Ton. Also: was wir bisher von den Azoren gesehen haben, ist einfach nur unglaublich beeindruckend schön. Und selbst in unserer ersten Woche hier, als wir wegen Nebel und Niesel gar nichts sehen konnten, haben wir uns absolut wohl gefühlt. Die Weltenbummler-Atmosphäre, die unglaublich freundlichen Menschen, außerdem die Tatsache, dass das Leben aufgrund günstiger Preise leicht ist und Spaß macht. Auch den wiederentdeckten Sicherheitsaspekt wissen wir zu schätzen, es gibt so gut wie keine Kriminalität, wir können Flying Fish bedenkenlos allein lassen und mit dem Verschließen von Luken, Niedergängen, Autos nimmt es hier niemand zu genau. Hatten wir im letzten Jahr auf dem Weg nach Süden noch abgestuft, in welchem europäischen Land wir uns mehr oder weniger heimisch fühlen, sind uns jetzt, aus der Karibik kommend, die portugiesischen Azoren schlicht Europa, unser Zuhause. Ein schöner Zufall: kurz nach unserer Ankunft startete das Festival Maravilha, um dreißig Jahre Horta Marina und die hiesige Vielfalt zu zelebrieren. Manche Künstler haben uns begeistert, bei anderen stellte sich die Frage, warum die nicht vorher mal geübt haben, unter dem Strich aber stand die wunderbare, positive Horta-Stimmung, der Regen und Kälte nichts anhaben konnten.

 

 

Tja, und dann hat man uns dauerhaft die Sonne angeknipst. Sofort musste ein Mietwagen her, um Faial bis in die hinterste Ecke zu erkunden. Zunächst zog es uns zu dem imposanten Vulkankegel im Zentrum und dessen Caldeira. Bis zu zwei Kilometer Durchmesser misst dieser Einsturzkrater, 400 Meter fallen die Wände steil ab bis zum Boden des bewachsenen Kessels.  Während der Umrundung auf dem Grat kamen wir aus dem Staunen nicht heraus: traumhafte Fernblicke in alle Richtungen und rechterhand immer die dichte Flora des Kraters in allen vorstellbaren Grüntönen. Völlig zurecht gilt diese kleine Wanderung als ein „Muss“. Wir blieben dem Thema Vulkan treu und machten uns anschließend auf zum Capelinhos im Westen Faials. Dessen letzter Ausbruch war in den Jahren 1957 und 1958, dreißig Millionen Tonnen Asche und Lava spuckte er damals aus, die Gegend wurde evakuiert und 250 Familien verließen die Insel für immer. Das unterirdisch gebaute und architektonisch sehr interessante „Centro de Interpretação do Vulcão“ erklärt eindrucksvoll den genauen Ablauf der Eruptionen und macht verständlich, warum die Gegend heute eine solche Mondlandschaft ist, vegetationslos und von eigenwilliger Schönheit. Erklimmt man die Ruine des alten Leuchtturms, lässt sich die einmalige Szenerie mit ihren Schwarz-, Braun- und Ockertönen besonders gut betrachten, auch der scharfe Kontrast zum Grün der „eigentlichen“ Insel. Zurück nach Horta ging es die Nord- und Ostküste entlang, auch dort herrliche Landschaft und schöne Orte. Schaut man genauer hin, fallen aber auch immer wieder die Folgen der geologischen Aktivität auf. Zuletzt bebte am 9. Juli 1998 die Erde, Stärke 5,8 auf der Richterskala. Zehn Menschen starben, rund 1.500 wurden obdachlos. Entsprechend sieht man zerstörte Häuser, Kirchen, Leuchttürme am Weg, die daran erinnern, dass das wirkliche, dauerhafte Leben in dieser malerischen, aber rauen Umgebung kein reines Zuckerschlecken ist.

 

 

Allgegenwärtig ist uns hier der Anblick des Vulkans Pico Alto auf der östlich gelegenen Nachbarinsel Pico. Ein wahrer Bilderbuch-Berg, mit 2.351 Metern der höchste Portugals und immer unterschiedlich von Wolken bemützt, man kann sich kaum an ihm sattsehen. Gestern waren wir dort, mit der Fähre gelangt man in einer halben Stunde in den Hauptort Madalena. Pico steht ganz im Zeichen von Wein und Walen. Letztere werden vor allem bei Ausfahrten von Lajes do Pico an der Südküste aus beobachtet, einem DER Whalewatching-Hotspots weltweit. Das dortige Museo dos Baleeiros erinnert daran, dass sie hier einst mit Harpunen gejagt und per Hand zerlegt wurden. Die Exponate sind interessant, doch wirklich berührt hat uns erstaunlicherweise eine kleine filmische Dokumentation aus dem Jahr 1970, englischsprachig und von unterirdischer Bildqualität, die die Strapazen des Walfangs beschreibt und ganz nebenbei ein paar sehr charmante Porträts der Dorfbewohner zu dieser Zeit liefert. Die perfekte Ergänzung ist aus unserer Sicht das Industriemuseum in den Räumen der Walverarbeitungsfabrik namens „Vitaminas  Oleos Farinhas Adubos Armaçoes Baleeiras Reunidas“ in Cais do Pico an der Nordküste, sie schloss 1983 als letzte auf den Azoren ihre Tore. Die originalen Maschinen und Kessel sind erhalten, die Ausstellung illustriert, auch anhand großformatiger Fotos, die Gewinnung von Tran, Öl, Wachs und Knochenmehl. Ein 22 Meter langer Pottwal war das größte hier verarbeitete Tier, schön zu wissen, dass diese Kolosse heute nur noch mit Kameras verfolgt werden.

 

 

Auf unserem Rückweg nach Madalena, im Nordwesten Picos, unternahmen wir noch eine Wanderung von Santa Luzia aus durch das Weinanbaugebiet der Insel, die Zona das Adegas, die seit 2004 als bewahrenswertes Welterbe in die Liste der UNESCO aufgenommen ist. Die Reben wachsen hier auf kleinen Parzellen, die in mühevoller Handarbeit angelegt wurden. Dazwischen kilometerweise Currais, Wälle aus rauem, schwarzem Lavagestein, die den Pflanzen Wärme spenden und sie vor Wind schützen. Heute sind nur noch rund 1.700 Hektar Land mit Reben bepflanzt, einst waren es 16.000. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts schleppten amerikanische Handelsschiffe die Reblaus ein, worauf der Anbau vielerorts final eingestellt wurde. Mit der Verkostung sind wir noch befasst, wir haben in den letzten Tagen teils wirklich feine, aber auch echt schlechte Pico-Weine erwischt, für ein Fazit ist es zu früh. Zum Glück können wir noch ein wenig bleiben, eventuell sogar einen weiteren Ausflug auf die Insel machen und den Vulkan besteigen. Doch das erfordert wirklich perfektes Wetter und gerade geraten wir wieder aus dem Kern des Azorenhochs und warten die Entwicklung erst mal ab. Das hier hat jetzt nichts damit zu tun, muss aber mal erwähnt werden: auf beiden uns bisher bekannten Inseln gibt es auffallend viele und ausgesprochen hübsche Kühe.

 

 

Ludger
Juni 22nd, 2016 at 5:57 pm

…jetzt funktioniert die Web Cam Horta mal, es ist nicht dunkel, keine Regenwolken oder beschlagene Linse und trotzdem find ich den Fish nicht! Setzt doch mal den großen Adenauer in den Mast und dippt dreimal, werde mich dann am Schreibtisch auch fein artig erheben und alle wissen, in welcher Box ihr wohnt.
Grüße vom Schreibtisch, Ludger

PS: wart ihr schon im Schwimmbad auf der Dachterrasse des Hotels?

Ludger
Juni 21st, 2016 at 4:36 pm

Liebe Heiks,
bunte Kühe, grüne Wiesen und Berge wie auf Lanzarote – sieht einfach toll aus. Etwas beunruhigend finde ich nur, dass Sydney etwa in der gleichen Richtung liegt wie Berlin! Aber bekanntlich führen viele Wege nach Sydney. Heute ist der längste Tag des Jahres und ab morgen werden die Tage wieder kürzer-Weihnachten steht quasi schon vor der Türe. Vorher freuen wir uns auf Eure Rückkehr. Lasst es euch gute gehen und nehmt uns weiter mit auf eurer Reise.
Grüße vom Schreibtisch, Ludger

Dody
Juni 17th, 2016 at 11:33 pm

Moin ihr beiden, freut mich dass es Euch so gefaellt auf Faial und dass letztendlich Mr. Perkins in den Griff zu kriegen war! Wuensch‘ Euch noch ’ne tolle Zeit auf den Azoren, und wenn die Zeit es Euch erlaubt, mag ich Euch gerne Sao Jorge und Santa Maria ans Herz legen, ganz besonders Santa Maria, meine Lieblingsinsel und ich hatte Traenen in den Augen als ich von da weggesegelt bin (und ein Rochen folgte mir im Abstand von vielleicht 3 Metern fuer viele Meilen).
Fair winds & lasst es Euch gut gehen!!!!
Dody
PS: koennt ihr mal nachschauen ob sich da irgenwas in euren Einstellungen bei den Email-Benachrichtigungen veraendert hat? Bei mir kamen keine Info’s mehr ueber neue Posts! Klar hab‘ ich nachgeschaut, hab‘ mir doch Gedanken ueber Euch gemacht, und siehe da, alles ok bei mir kam nur nichts mehr an!!!

Carsten
Juni 17th, 2016 at 11:01 pm

Ich kann mich da Rainer nur anschließen.
Und hier ist auch eher Monsunzeit als Sommer
Genießt einfach das Weltenbummlerleben.
LG von uns Dreien

Rainer
Juni 17th, 2016 at 10:21 pm

Mal wieder ein wunderschöner Bericht aus fernen Ländern. Vielen Dank dafür. Genießt die Zeit und lasst es euch gut gehen. Hier ist immer noch kein Sommer. Viele liebe Grüße aus Korschenbroich, Rainer

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