Anker-Alarm

Es gibt so eine Handvoll Horrorvorstellungen, die der Fahrtensegler in seinem Hinterkopf ansammelt, eine davon ist, dass der Anker eines Schiffes in Luv nicht hält und man von einem Einschlag in die eigene Bordwand geweckt wird. Genau das ist letzte Nacht Beate und Reiner von der „Balou“ passiert und wir saßen sozusagen in der ersten Reihe, als das Verhängnis seinen Lauf nahm. Die diversen Ankerversuche der französischen Charterkat-Crew hatten wir gegen Abend noch gemeinsam beobachtet und für nicht so toll befunden: der blöde Anker wollte aber auch einfach nicht halten, wenn man ihn schlicht ins Wasser schmiss. Eigentlich muss man ihn rückwärts unter Motor langsam in den Grund ziehen und dann noch mal einem Belastungstest bei hoher Drehzahl unterziehen. Darauf hatten die Franzosen nicht so viel Wert gelegt und uns schien, dass sie auch mit der Ankerkette eher geizig waren. Dabei gilt, je mehr Kette man heraus lässt, desto besser der Halt, mindestens die drei- bis fünffache Wassertiefe sollte es sein. Eine gute Idee ist auch, den Sitz des Ankers schwimmend und mit Taucherbrille zu kontrollieren, wenn das Manöver sich schon schwierig gestaltet hat. Fehlanzeige. Die Jungs hatten wohl wirklich, wirklich schlimmen Wehrwolfhunger, denn nach kurzer Zeit waren sie von Bord und per Dinghi an Land. Besonders Beate hatte ernste Bedenken, doch der Kat blieb zunächst an seinem Platz.

Nachts kam allerdings mehr Wind auf mit recht heftigen Böen über 30 Knoten (das sind sieben Beaufort). Flying Fish zog und ruckte wie wild an der Kette und immer wieder schaltete sich der Windgenerator am Heck mit einem langgezogenen Fiepen ab, wenn die Spannung zu hoch wurde. Da an ruhigen Schlaf eh nicht zu denken war, steckten wir regelmäßig den Kopf aus der Luke und checkten unser Umfeld, da meinten wir auf einmal, dass der Kat sich bewegt. Die Crew war mittlerweile zurück, doch offensichtlich ohne Schlafprobleme – alles dunkel. Wir merkten uns die Peilung zum Kat und beobachteten weiter: ja, das Teil fuhr ziemlich sicher rückwärts. Wir versuchten, auf dem Not- und Anrufkanal 16 die Coastguard zu erreichen, in der vorherigen Nacht hatte deren Boot im Ankerfeld patroulliert. Niemand meldete sich. So setzten wir unsere Kopflampen auf, stiegen ins Dinghi und motorten zum Kat, um vor Ort Alarm zu schlagen. Einen Hauch zu spät, denn als wir ankamen, hatten sie die inzwischen hell erleuchtete „Balou“ soeben gerammt. Immerhin konnten wir den zweiten Einschlag verhindern, indem wir mit dem Dinghi zwischen beide Schiffe fuhren, als großer, himbeerroter Fender. Und noch ein drittes Mal kamen sie bedrohlich nah, der Skipper wirkte völlig planlos, schaltete wie wild zwischen Vorwärts- und Rückwärtsgang hin und her. Irgendwann hatte er seinen Anker endlich wieder an Bord und wir empfahlen ihm dringend, sich eine freie Mooringboje zu suchen und keinen neuen Ankerversuch zu unternehmen. So verschwand der Kat samt Crew in der Dunkelheit. Und ward nicht mehr gesehen – Fahrerflucht, hit and run! Beate und Reiner haben heute den Vercharterer per Mail über die ganze Geschichte nebst der Kratzer in ihrer Scheuerleiste informiert (mehr Spuren hat die Kollision zum Glück nicht hinterlassen) und warten jetzt auf eine Reaktion. Selten wurde Mitgefühl so schnell verspielt, ankern ist manchmal schwierig und ätzend, auch wir sind noch alles andere als routiniert darin, aber einfach feige abhauen, das geht gar nicht!

Wir befinden uns übrigens in der Admiralty Bay auf der Insel Bequia (die man erstaunlicherweise wie „Beckwey“ ausspricht) und es ist so schön hier, dass die Gegend noch einen „unfallfreien“ Bericht verdient hat. Der folgt in den nächsten Tagen.

Ludger
Februar 17th, 2016 at 10:23 am

Der schlecht Ruf der Charter Crews ist wirklich weltweit gleich – aber jeder hat irgendwann schon mal gechartert, da trau ich mich nie so richtig zu ätzen. Aber dass ist schon krass, einfach abhauen! Ich bin in diesem Lebensbereich sehr konservativ, auch wenn ich das mit den Konservativen in Europa im Moment sehr, sehr schwierig finde (wie alles hier gerade). Aber auf See bin ich für das ganz alte Seerecht: Kielholen, einsame Insel für den Skipper oder Dinge mit einer Kugel im Vorderlader…
Grüße vom sonnigen Schreibtisch, Ludger

Ludger
Februar 17th, 2016 at 10:25 am

Dingi meinte ich natürlich:
https://de.wikipedia.org/wiki/Dingi

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