Isle of Spice

„Die Gewürzinsel“ heißt Grenada auch, hier wird mehr Aromatisches pro Quadratmeter angebaut als irgendwo sonst auf der Welt: Nelken, Ingwer, Pfeffer, Piment, Lorbeer, Zimt und Tonkabohnen. Die Nutmeg (Muskatnuss), das wichtigste Exportgut der Insel, ist sogar auf der Landesflagge verewigt. Wir möchten es genauer wissen und näher ran, doch ein Mietwagen erweist sich als viel zu teuer (zumal man sich noch eine extra Fahrerlaubnis ausstellen lassen muss) und die im Reiseführer genannten Tourveranstalter wollen mindestens hundert US-Dollar pro Person für eine Rundfahrt. Wir entnehmen dem filmischen Törnbericht von Guido Dwersteg einen Tipp und machen Cutty ausfindig, einen Farmer mit Kleinbus, der individuelle Touren für 25 US-Dollar anbietet. Von der Prickly Bay Marina aus geht es mit Jörg von der „Midnight Sun“ und fünf amerikanischen Seglern los gen Norden, letztere unterlegen den Tag vom Einsteigen an mit einem imposanten Klangteppich aus „wooow!“, „amazing!“, „fantastic!“ und „wonderful!“ in den höchsten Tönen, ganz schön arg euphorisch im Vergleich zu unserer etwas weniger extrovertierten typisch deutschen Emotionalität, doch sie sind halt nett und außerdem haben sie recht. Cutty ist ein umsichtiger und sehr ambitionierter Guide, der sich prima auskennt: alle paar Meter hält er an, pflückt, schält und zerlegt für uns exotische Früchte, die wir probieren dürfen, zeigt uns Golden Apple, Bread Fruit, Frangipani, Calabash und Soursop. Wir schnuppern an unzähligen Gräsern und Blättern und sind begeistert von der Intensität der Aromen. Warum nur kann man all das nicht auf dem Markt kaufen oder haben wir bisher nicht richtig geguckt?

 

 

Unser erster längerer Stopp ist beim Wasserfall Guea, einem der drei Concord Falls des Black Bay River. Er stürzt sich in ein wunderschönes grünes Tal und macht Lust auf mehr Natur, so landet die Gegend in unseren Köpfen direkt auf der Liste für mögliche Wanderungen. Weiter geht es nach Gouyave, einem romantischen Ort voller alter Häuser, der auch das große Gebäude der Cooperative Nutmeg Association beheimatet. „Nutmegland“ wird die über hundert Jahre alte Fabrik auch genannt, uns ist diese Namensgebung allerdings ein wenig zu Disney. Im Inneren geht es zum Glück authentisch zu, wir bekommen all die aufwändigen Verarbeitungsschritte von der Ernte an erklärt und dürfen uns im Erdgeschoss zwischen den Arbeiterinnen umschauen, die mit der Sortierung beschäftigt sind. Als „Woman in a boat in a red petticoat“ wird die Muskatnuss auch beschrieben, denn der uns bekannte kleine Kern (woman) ist bei der Ernte von einem leuchtendroten Geflecht umgeben (petticoat), der Mace, die entfernt und zu einem separaten Gewürz verarbeitet wird. Darum herum befindet sich noch eine dicke Schale, die in zwei Hälften aufplatzt (boat), wenn die Frucht reif ist. Sie lässt die Muskatnuss am Baum einer Aprikose ähneln und wird später wie Mulch verwendet. Die Fabrik ist ein ziemlich staubiger Ort, die meisten atmen durch Tücher, gestresst oder gehetzt wirkt hier niemand. Fast alles ist Handarbeit, einzig das Knacken der inneren Schale um den Kern erledigt eine Maschine, das Aussondern der schlechten Nüsse geschieht danach im Wasserbad, wo diese oben schwimmen. Am Schluss wird die Produktion für den Export nach Größe sortiert in Jutesäcke verpackt, die per Schablone beschriftet sind. Auch einen Hamburg-Schriftzug können wir entdecken.

 

 

Als nächstes passieren wir das kleine Fischerdörfchen Victoria, an dessen Ende befindet sich die Diamond Schokoladenfabrik, wo Jouvay Chocolate hergestellt wird. Hier führt uns Rita herum und erklärt alle Produktionsvorgänge von der frisch geernteten länglichen Kakaofrucht über Fermentierung, Trocknung und Röstung der Kakaobohnen und dem späteren Conchieren (aus dem sie sehr charmant ein ähnlich großes Geheimnis macht wie ein großer deutscher Produzent in seiner Fernsehwerbung) bis hin zur fertigen Schokoladen-Tafel. Zum Schluss dürfen wir die unterschiedlich konzentrierten Jouvay-Sorten verkosten und uns für vier US-Dollar pro Tafel verproviantieren. Teuer, aber ein fairer Deal, denn zum einen hat die Führung nichts gekostet, zum anderen ist die Schoki sensationell lecker. Und in den USA bezahlt man für diese Sorte fast das Doppelte, wie uns unsere neuen Freunde zwischen zwei „breathtaking!“ erklären. So fein angefüttert stoppen wir noch am Bilderbuch-Palmenstrand Sauteurs Bay (zu schade, dass man hier nicht später auf dem Weg nach Norden ankern kann) und bekommen nebenan in Sauteurs, dem drittgrößten Ort der Insel, ein typisches Mittagessen mit Fisch und Hühnchen serviert, natürlich gut gewürzt. Nachdem wir im Anschluss auch noch bei der Grenada Chocolate Company vorbei geschaut und alle Sorten probiert haben, sind wir wirklich pappsatt.

 

 

Der Rückweg führt uns zunächst beim Pearls Airport im Osten der Insel vorbei, dem ehemaligen Flughafen Grenadas, der bis 1984 in Betrieb war. Ein paar alte Flugzeugwracks gammeln noch an einem Ende vor sich hin, dazwischen grasen Ziegen und Kühe. Der gleichzeitige Ausbau des heutigen Flughafens in Point Salines für Großraumjets war einst der Auslöser für die amerikanische Invasion im Oktober 1983. Er wurde von Kuba unterstützt und die USA befürchteten fälschlicherweise, dass ein gemeinsames Militärprojekt mit der UdSSR dahinter steckt und Grenada in den Kommunismus abgleitet. Es kam zu erbitterten Kämpfen um das Fort von St. George’s, zwei Jahre später waren die US-Soldaten wieder abgezogen. Unsere letzte Station: der Regenwald im Zentrum der Insel, Grand Étang Forest Reserve. Stilecht präsentiert er sich uns im Regen, nicht umsonst scheint die Natur hier zu explodieren. Ganz Grenada ist faszinierend grün, doch hier ist es noch grüner: sattgrün, tiefgrün, kreischgrün, undurchdringlich, zwischendrin knallbunte Blüten. Cutty erzählt noch von einigen tollen Wanderungen in der Gegend und den Mona Monkeys, die man bei besserem Wetter oft sieht, doch unser Entschluss steht eh schon fest: hier müssen wir in den nächsten Tagen noch mal her und uns ein Stück zu Fuß bewegen. Ab auf die Liste! Dort landet auch die Besichtigung einer der Rum Destilleries, die wir bei der Tour nicht mehr geschafft haben. Zurück geht es durch Grenadas Feierabendverkehr zur Prickly Bay, wo Flying Fish im Ankerfeld auf uns wartet. (Cutty Taxi & Tours ist erreichbar unter VHF CH 68 oder Fon 407 5153).

 

Guido Dwersteg
Januar 27th, 2016 at 5:49 pm

Na dann hat der Tipp ja gefruchtet :-). Viel Spaß noch !! Guido

Ludger
Januar 15th, 2016 at 3:03 pm

Liebe Heiks, ganz offensichtlich seid ihr angekommen – in Seglers Traumwelt! Exotisch, schokoladensüß und tropisch. Der Neidfaktor wächst – vielleicht sollten wir doch mit der Au(f)srüstung unserer Pharos beginnen…Herzliche Grüße vom Schreibtisch in die Schokowelt der Karibik – Ludger.

Carsten
Januar 15th, 2016 at 7:25 am

Guten morgen ihr Zwei
Eben noch war Freitag morgen,
Übermüdet, nass, halbschlafend, dunkel und kalt.

Nun ist happyness. Bunt, hell, Stimmung
Danke Euch
Carsten

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