Weich gelandet

Immer wieder ein riesiges Vergnügen: mit allen vier Füßen in eine fremde Kultur springen und dann schauen, wie man darin zurechtkommt, möglichst ohne jemandem zu nahe zu treten oder selbst ständig in Fettnäpfchen zu steppen. Wir lieben das und auf Grenada sollte es relativ leicht fallen, da die Amtssprache Englisch ist (wie leider auch der Linksverkehr, damit tun wir uns traditionell schwer). Nach drei Tagen Chaos-, Salzkrusten- und Schmutzbeseitigung auf Flying Fish nebst kleinen Reparaturen hatten wir das dringende Bedürfnis, das wahre Insel-Leben kennenzulernen, außerdem war Kahlfraß in der Bord-Gemüseabteilung, ein weiterer guter Grund. Busfahrt in Grenadas Hauptstadt St. George’s war also angesagt. Zwanzig Minuten zu Fuß, dann kommt man an die Straße, wo die ständig pendelnden Kleinbusse per Handzeichen anzuhalten sind, so haben wir in der Marina erfahren. Die Linie 2 nach Westen ist unsere, sie fährt angeblich ständig, ohne feste Zeiten. Genauso ist es: wir winken am Straßenrand, der Bus hält, die Schiebetür wird geöffnet, das Fahrzeug ist schon leicht überladen, doch jemand steigt kurz aus und lässt uns nach hinten durchklettern. Wir kauern in Reihe vier und fünf am Rand, der Bus fährt wieder an. Es geht durch grüne, urwaldartige, hügelige Landschaft, wir passieren kleine Häuseransammlungen, sehen aber auch erstaunlich noble Villen und Anwesen an den entfernteren Hängen. Alle paar Ecken möchte jemand ein- oder aussteigen, letzteres wird per Klopfzeichen gegen das Dach angekündigt, manche kriegen es aber auch telepathisch hin, dass der Fahrer anhält. Wenn es zu voll wird, schreitet er ein, stapelt Kinder auf einem Sitz oder legt noch ein Brett über eine Ritze, irgendwas geht immer. Unregelmäßig wechselt Geld den Besitzer, wird irgendwie weitergereicht, hin und her. Ein System ist nicht erkennbar und alles läuft ohne Kommunikation ab. Sprechen würde auch keinen Sinn machen, denn das Radio ist voll aufgedreht. Auch wir wackeln mit dem Kopf zur karibischen Musik, ein schöner Einstieg in die Atmosphäre von Grenada.

 

 

Wir fahren bis zur Endstation, dem Busbahnhof von St. George‘s, und stürzen uns von dort aus ins Getümmel. Die Stadt hat 10.000 Einwohner und anscheinend sind sie alle unterwegs, es ist wuselig, lebendig und laut, mit freundlich-entspannter Grundstimmung. „You’re in the best place of the world“ ruft uns ein gut gelaunter Rasta zu. Wir fallen hier auf wie bunte Hunde, werden aber extrem nett behandelt. Man bietet uns Waren an, doch auch „nein“ sagen ist okay und wird akzeptiert, der Smalltalk macht Spaß. Manchmal müssen wir uns zusammenreißen, um niemanden anzustarren, viele Menschen hier sehen imposant aus in Statur und Styling. Und besonders die Frisuren vieler Mädchen und Frauen beeindrucken uns: wunderschön und wahnsinnig aufwändig. Die Kleidung dazu ist durchweg figurbetont, völlig unabhängig von der Figur, während der männliche Teil der Bevölkerung eher auf legere Coolness setzt. Die Stadt bildet dazu eine tolle Kulisse: pastellfarbene Häuser mit roten Ziegeldächern ziehen sich die Berghänge hinauf. Obwohl St. George’s immer wieder von Erdbeben, Großfeuern und zuletzt, im Jahr 2004, von Hurrikan Ivan heimgesucht wurde, wirkt die Bebauung stimmig und ursprünglich, bloß einige Ruinen gibt es mittendrin. Vom Outer Harbour, wo auch ungefähr zwei Kreuzfahrtschiffe täglich anlegen, geht es durch den 150 Meter langen Sendall-Tunnel auf die andere Seite des Hügels, zur Carenage, die als quirliger Mittelpunkt der Insel gilt. Ein guter Ort, um sich mit einem Carib-Bierchen zu stärken und das Treiben im Hafen zu beobachten. Am Market Square versuchen wir, unsere Vorräte wieder aufzufüllen und sind zum ersten Mal ein wenig enttäuscht: die Preise sind so heftig wie die Auswahl gering ist. Wenn man erstmals so eine Vier-Euro-Paprika in der Hand hält und die dann auch noch klein ist und schäbig, bekommt das Wissen, dass die Karibik teuer ist, ganz schnell mehr Substanz als man möchte. Beim zweiten Besuch in der Stadt gestern war die Auswahl besser, jedenfalls wird auf Flying Fish fortan gekocht, was verfügbar UND günstig ist. Paprika gehört gerade nicht dazu.

 

 

Unsere kuschelige Marina erweist sich derweil Tag für Tag als Volltreffer, wir fühlen uns rundherum wohl und sind so unglaublich froh, dass wir einer Empfehlung gefolgt sind und uns für den Landfall hier entschieden haben. Inzwischen berichteten uns schon zwei Crews von übelsten Schikanen seitens der Behörden beim Einklarieren auf Barbados und dem unruhigen Ankerfeld, in dem man dort liegen muss und ständig Gefahr läuft, entweder von lärmenden Jetskis oder den umherrasenden Militärbooten versenkt zu werden. Puh, ursprünglich wollten auch wir als erstes dort hin. In Grenadas Süden ist es dagegen einfach nur friedlich: die Marina ist klein und übersichtlich, wir lieben unseren Liegeplatz direkt bei dem großen, ehemaligen Feuerschiff „Västra Banken“, das um 1900 in Stockholm auf Kiel gelegt wurde und nun die Sanitärs beheimatet sowie diverse schöne Sundowner-Plätze. Die Menschen in Rezeption und Bar sind freundlich, an Freitagen gibt es in letzterer großartige Live-Musik, am Strand liegen je zwei Hobie Cats und Kanus zur freien Benutzung, es gibt super Internet. Der wirklich einzige Nachteil ist die relativ große Entfernung zu den Bussen, doch von vier Mal sind wir die Distanz einmal gelaufen und wurden drei Mal von Autofahrern mitgenommen, insofern: kein echtes Problem. Falls also jemand mitliest, der noch Landfall-Entscheidungen zu treffen hat – von uns eine uneingeschränkte Empfehlung für Le Phare Bleu! Dennoch wird es nun allmählich Zeit, den hiesigen Annehmlichkeiten den Rücken zu kehren und uns wieder in das echte Langfahrtsegler-Leben zu stürzen. Genug angekommen, Buchten-Bummel ist jetzt angesagt und heute legen wir ab, um uns irgendwo in die Nähe von Hog Island zu verholen. Dort findet Sonntags ein Bring-your-own-BBQ statt, wo wir Christina und Jörg von der „Midnight Sun“ treffen wollen.

 

 

Vielleicht funktioniert dort dann auch unser Kurzwellenfunk wieder besser. Gestern haben unsere Freunde Beate und Reiner mit ihrer „Balou“ auf Teneriffa abgelegt (ebenso wie die Crew der „Fenicia“, Jenny und Simon), um uns mit der zweiten Atlantic Odyssey von Jimmy Cornell endlich in die Karibik zu folgen. Und gleich unsere erste Funkrunde um 22 Uhr UTC ist gescheitert, wir konnten sie auf keiner der vereinbarten Frequenzen hören. Vielleicht liegt es an der riesigen stählernen „Västra Banken“ direkt nebenan… Wer die Balous wie wir virtuell begleiten mag: sie bloggen von unterwegs unter www.sybalou.de.

Thomas & Steffi & Janna & Finn
Januar 14th, 2016 at 11:34 pm

Liebe Heiks!
Wir können euch schöne Aussichten bieten: tatsächlich fühlten wir uns an die Ostsee erinnert, als wir von Bequia nach St. Lucia segelten. Unglaublich – es geht doch auch ohne nennenswerte Welle, mit Sonnenschein und angenehm schiebenden 5-6 Bft….Und dann sind wir im Paradies angekommen: die Marigot Bay. Für uns gibt es keine Steigerung mehr. Genuss pur!
Mittlerweile liegen wir im nächsten Hafen in der Rodney Bay und genießen das Einkaufen in richtigen großen Supermärkten: Eine Paprika kostet hier nur noch 1,- €!
Ansonsten hat es doch auch noch Janna mit dem Virus erwischt. Sie hielt sich aber sehr tapfer. Wir hoffen, niemanden von euch angesteckt zu haben und wünschen euch noch eine schöne Zeit auf Grenada. Wäre schön, wenn wir uns bald mal wieder treffen! Und grüßt auch herzlich die „Midnight Sun“ von uns, alles Liebe von der SY Finn

Cousine Christiane
Januar 11th, 2016 at 7:57 pm

hey liebe Heiks, schön das ihr die große Querung geschafft habt. Hab an den Feiertagen oft an euch gedacht. Und siehe da: es ging auch ohne meinen Wunsch mit der Gelassenheit. Die hab ich dieses Mal selbst gebraucht. Ich bewundere noch immer euren Mut, ich lese sehr gerne eure Berichte, das fördert das Fernweh. Heute wollte ich schon ein Motorboot für auf den Rhein kaufen…….. Irgendwie haben wir doch alle einen Virus. Mal gespannt wann Annette anfängt. Alles Gute weiterhin, Grüße von Peter B, der sich nach wie vor über sein Nierchen freut. Solong, C.

Barbara und Jörg
Januar 10th, 2016 at 2:48 pm

Viele Grüße aus dem trüben Hamburg.
Wir würden zu gerne tauschen, aber das muss noch ein wenig warten. Eure Empfehlung für Granada haben jedenfalls dick unterstrichen.

LG
Barbara und Jörg

Mo und Hufi
Januar 10th, 2016 at 1:49 pm

Schön dass ihr so gut in der Karibik angekommen seid! Euer Bericht über die karibischen Gemüsepreise ließ sofort Erinnerungen an unsere erste – auch eher mickrige – norwegische 3,50 € – Schlangengurke hoch kommen! Aber solange die Bierpreise stimmen ist doch alles gut! Das norwegische Preis-Dröhnungsverhältnis erlaubt es ja nicht einmal den Vitaminmangel durch Alkohol zu kompensieren! Genießt eure Zeit. Liebe Grüße aus dem Sauerland von Hufi und Mo

Ludger
Januar 10th, 2016 at 11:47 am

Liebe Heiks, ich dachte schon, ihr seid in ländliche, postatlantische Lethargie verfallen- kein karibischer Lebensbericht seit Tagen. Ich wollte mich schon beschweren… aber pünktlich zum Sonntagsfrühstück kommt der schöne und ausführliche Erstkaribikorientierungsbericht! Vielen Dank und herzliche Grüße vom Frühstückstisch aus dem sonnigen Duisburg, Ludger

Silke
Januar 10th, 2016 at 10:47 am

Klingt wie immer toll! Wünsche euch nen ebenso tollen nächsten Hafen!

Holger
Januar 10th, 2016 at 10:29 am

Tolle Erlebnisse, da wär ich gern dabei.
Hamburg: 1Grad, Nieselregen…
Viel Spaß beim Buchten-Hopping, macht Euch keinen Stress:-)

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