Frank

Wir sind gerade zu dritt. Letzten Samstag in Dartmouth kam bei herrlichstem Sonnenschein Frank an Bord und mit ihm sein legendäres feuerrotes Überlebens-Ölzeug, von dem man munkelt, dass es kleinere Boote allein durch sein Gewicht zum Sinken bringen könnte. Am Sonntag hat das Wetter davon Wind bekommen und sofort begonnen, Gründe für das Tragen schweren Ölzeugs zu liefern und mal ein paar Tage lang zu demonstrieren, wie sich Segeln in England anfühlen könnte, hielten sich alle Komponenten an die gängigen Klischees. Doch zunächst mal blieb uns der Samstag für eine sehr unterhaltsame Dinghi-Tour den River Dart hinauf bis zu einem nett gelegenen Pub, wo wir uns unser Abendessen frittieren ließen. Leider hatten wir vor lauter Hunger nicht auf die Gezeit geachtet, so dass das Dinghi zwischenzeitlich trocken fiel und wir gezwungen waren, so lange Bier zu trinken, bis wieder genug Wasser für die Heimfahrt im Fluss war. Die folgenden zwei Tage war leider an Segeln nicht zu denken, nicht wegen des Biers, sondern aufgrund von viel zu viel Wind aus viel zu falscher Richtung. Immerhin konnten wir am Montag eine kleine Wanderung die Küste entlang unternehmen und haben dabei den Jungs von National Coastwatch am Froward Point einen Besuch abgestattet. Unter dem Motto „Eyes and ears along the coast“ gibt es alle paar Meilen Aussichtsstationen (insgesamt zur Zeit fünfzig Stück), aus denen eigens ausgebildete Freiwillige ehrenamtlich die Küste im Blick behalten, per Teleskop, Radar und Funk. Sie geben Wetter- und Navigationsinformationen heraus und organisieren Hilfe bei Seenotfällen. Eine bewundernswerte Initiative!

 

 

Am Dienstag waren die Segelbedingungen immer noch mies, aber halt schon etwas weniger mies als zuvor. So machten wir uns wieder auf nach Westen. Die schöne, grüne Küste verschwand immer wieder komplett im Dunst, derart im Blindflug waren wir noch nie unterwegs. Zudem quälte uns stundenlang Drizzle. Man muss das Wort nur mal mit ganz angeekeltem Gesicht laut aussprechen, dann kann man sich sofort etwas darunter vorstellen: penetranter, kalter Nieselregen. Segeln unter solchen Bedingungen ist etwas völlig anderes als Sonnensegeln und ganz schön unheimlich. Graue Formen schälen sich plötzlich aus dem weißen Nebel, werden erst, wenn man schon ganz nah dran ist, Felsen, Schiffe, Tonnen. Hut ab vor jedem, der hier ohne Plotterunterstützung unterwegs ist. So tasteten wir uns vorsichtig in die Hafeneinfahrt von Plymouth und waren alle drei froh, endlich in der Sutton Marina anzukommen. Am Abend wurde es dann noch erstaunlich nett: wir konnten in der „Rakuda Kitchen“ unter Heizstrahlern draußen sitzen. Dort war „open micro“ angesagt und es traten ausnahmslos richtig coole Musiker auf, alle mit Gitarre und toller Stimme ausgestattet. Außerhalb des Hafenviertels ist Plymouth nicht übermäßig attraktiv, klotzige Betonarchitektur dominiert. Doch immerhin ist man auf prominenten Spuren unterwegs: Sir Francis Drake brach hier 1577 zu seiner Weltumsegelung auf, später ebenso James Cook und der Einhandsegler Sir Francis Chichester. Für Heiko und mich war die Stadt vor allem auch ein wichtiger Stopp, weil wir dort noch zwei Baustellen zu beseitigen hatten: zum einen hat dort das Unternehmen Navionics seinen Sitz, das uns nach einigem Hin und Her im Frühjahr noch ein aktualisiertes elektronisches Chart schuldete. Zum anderen hatten wir uns von der portugiesischen Firma Silentwind einen neuen Laderegler in die Marina schicken lassen, unserer litt an einem Softwarefehler und hatte zum Glück noch Garantie. Beides klappte reibungslos, so haben wir nun frische Seekarten und richtig viel selbstgemachten eigenen Strom aus Wind und Sonne!

 

 

Die charmante kleine Stadt Fowey war unser Ziel am Mittwoch, leider scheiterten alle Segelversuche und wir mussten die 22 Seemeilen hin motoren. Die Entschädigung war ein traumhafter Liegeplatz an einer Mooringboje mitten im Fluss mit ganz viel View. Heiko und Frank durften die Erfahrung machen, dass die Biester gar nicht so leicht zu fangen und einzufädeln sind ohne Spezialwerkzeug. Ein wilder Stunt von Heiko, unterhalb von Flying Fishs Bug baumelnd und halb auf der Boje balancierend, führte letztlich zum Erfolg, begleitet von schallendem Gelächter von Frank und der Crew des Nachbarschiffs. Leider passierte die Aktion so spontan, dass es keine Fotos davon gibt. Weil die Jungs schon während der Anfahrt das Dinghi klar gemacht hatten (toll, so zwei Jungs an Bord!), konnten wir sofort zur Erkundung des Ortes aufbrechen. Nur zu empfehlen, sehr lebendig mit geradezu mediterranem Flair! Früher waren die Menschen aus Fowey wohl berühmt und berüchtigt als Piraten, die die Handelsschiffe der Franzosen und Spanier kaperten, heute fließen die Energien eher in die liebevolle Gestaltung des Ortes. Wir wären gern länger geblieben, doch nur gestern passte der Wind, um es nach Falmouth zu schaffen und dort sind wir nun. In den hiesigen Marinas waren die Liegeplätze aus, so haben wir uns wieder an eine Visitor-Mooring gehängt und genießen die Zeit. Heute Abend essen wir noch im legendären Seefahrer-Pub „Chain Locker“, morgen geht die schöne gemeinsame Woche zu Ende und Frank verlässt uns in Richtung London und fliegt dann zurück nach Köln. Und wir warten ab jetzt auf ein geeignetes Wetterfenster, um die Biskaya zu überqueren und ins spanische La Coruña zu segeln. Zur Zeit sieht es nach einer Chance am Mittwoch aus, wir behalten das im Blick.

 

 

Sybille und Dieter
Juli 22nd, 2015 at 7:09 pm

Hallo Ihr beiden,
viel Glück für Eure Überfahrt. Wir stecken noch fest in Camaret Sur Mer. Die Winde meinen es im Moment nicht gut mit uns, wir werden wohl noch ein paar Tage warten müssen. Hier kommt ein Tief nach dem anderen und Südwest, was nicht passt.
Schwedische Freunde schrieben uns über 30grad am letzten Wochenende, 15 Grad am Samstag und 15 Grad am Sonntag! Also auch nicht besser.
Grüße
Sybille und Dieter

Frank
Juli 21st, 2015 at 11:43 am

So nun bin ich wieder gut in Köln gelandet nach dem ich eine wundervolle Woche an Board verbrachte. Auf einer nah zu perfekten Jacht, bei nahe zu perfekten Bedingungen durfte ich eure perfekte Gastfreundschaft genießen.
Viel Spaß auf dem ersten „großen“ Sprung über die Biscaya.

Holger
Juli 20th, 2015 at 12:17 pm

Ahoi Heiks!
Bye, bye, England, war doch, von ein paar Kleinigkeiten abgesehen, ein super Start in das große Abenteuer!

Wünsche Euch eine reibungslose Biskaya Querung.
Viele Grüße

Ludger
Juli 20th, 2015 at 9:16 am

Immer wieder montags freue ich mich über die Mail mit dem Betreff [Neuer Beitrag] … und freue mich um so mehr, als die Berichte über Bord – Baustellen deutlich in den Hintergrund treten. Entweder habt ihr euch daran gewöhnt, mit ständigem Handwerk an Bord zu leben oder Flying Fisch ist jetzt wirklich eine Blauwasseryacht. Viel Glück für die Überfahrt und natürlich „Grüße vom Schreibtisch“, Ludger

Peter
Juli 19th, 2015 at 3:08 am

Angie ist gerade um die Ecke, in Gwinnear. Wünsche Euch eine gute Überfahrt in den Süden.

Annette
Juli 17th, 2015 at 9:29 pm

Klingt jetzt richtig nach Urlaub und Auszeit, was ihr da macht!! Viel Glück mit eurem mittwochs-wetter-fenster und liebste grüße an die gesamte crew inklusive des athletischen und dynamischen Spezialisten für Geschwindigkeitsoptimierung durch Gewichtsverlagerung, nach dem dieser Beitrag benannt ist!

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