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Hier in Arrecife hat am Montag die „Lanzarote Seminars Week“ begonnen, sie dient den Teilnehmern der beiden Atlantic Odysseys zur letzten Vorbereitung auf den Sprung in die Karibik. Die erste Gruppe startet am 18. November (gefühlt also übermorgen) direkt hier, die zweite am 09. Januar auf Teneriffa, jeweils mit Ziel Martinique. Wir sind zwar nicht angemeldet, sondern segeln auf eigene Faust rüber, doch freundlicherweise dürfen auch Nicht-Teilnehmer die Seminare besuchen. Das kommt uns natürlich gelegen, zum einen weil man im Vorfeld nicht genug Infos sammeln kann und zum anderen, weil die Odysseys (genau wie ursprünglich die bekanntere „ARC“, die Atlantic Rally für Cruisers) von Jimmy Cornell ins Leben gerufen wurden und er einen Teil der Vorträge hält. Jimmy Cornell, geboren 1940, ist ein Pionier des Fahrtensegelns, er hat rund 200.000 Seemeilen auf dem Buckel, die er unter anderem während drei Weltumsegelungen gesammelt hat. Außerdem ist er ein erfolgreicher Autor, kein Segler kommt dauerhaft an seinen zahlreichen Büchern vorbei. Solcher Prominenz begegnet man nicht alle Tage und so besuchten wir unter anderem seine Veranstaltungen „Route and weather planning for a transatlantic passage“, „Provisioning for a long passage“ und „Open table discussion: After the Atlantic crossing, what next?“. Die Inhalte waren teils etwas unstrukturiert und passten nicht immer unbedingt zum Titel, aber charismatisch ist er, der Jimmy, humorvoll auch und vergleichsweise bescheiden. Er berichtete auf angenehme und unterhaltsame Art von seinen Erfahrungen und beantwortete alle Fragen, ohne für sich in Anspruch zu nehmen, die besten Lösungen für jede Segelthematik zu kennen. Überraschendes, grundlegend neues Wissen haben wir nicht gewonnen, dafür stecken wir schon zu lange und tief in den Planungen, aber einiges bestätigt und wiederholt zu bekommen war gut. Und noch besser: die Perspektive eines Jimmy Cornell nimmt ein wenig die Dramatik aus der ganzen Sache, man realisiert wieder, dass eine Atlantiküberquerung zu zweit mit einem Schiff wie Flying Fish nicht das gewagteste Unterfangen der ganzen Welt ist.

 

 

Auch außerhalb der Seminare waren die letzten Tage äußerst unterhaltsam. Mit Petra und Eric haben wir noch die Fundación César Manrique besucht, das ehemalige Wohnhaus des Künstlers und Architekten in einem Lavafeld nahe der Stadt Tahiche. Fünf unterirdische Vulkanblasen hat er in das Gebäude integriert, mit ineinander übergehenden Außen- und Innenräumen. Der Kontrast zwischen den weißen, unebenen Wänden und der dunkelgrauen Lava entfaltet auch hier seine faszinierende Wirkung, Palmen und Sukkulenten setzen schöne Akzente. In den Räumen befinden sich neben der passgenauen Möblierung Kunstwerke aus Manriques Privatsammlung, wenig überraschend, dass er auch als Sammler einen exzellenten Geschmack hatte. Wir waren begeistert! Auf Kultur folgte Natur, unsere belgischen Stegnachbarn hatten uns einen Wanderführer geliehen und so fuhren wir nach Haría, wo wir – mit nur ganz wenig Verlaufen zu Beginn – einen erstaunlichen Rundweg fanden: menschenleer (wirklich nur wir vier!), abwechslungsreich und erstaunlich grün. Was in Deutschland mühsam als Topfpflanze kultiviert und am Leben gehalten wird, wächst dort als Baum, Hecke oder Gebüsch, sehr schön! Dazu boten sich herrliche Ausblicke auf den in der Sonne schimmernden Atlantik… Zum Abschluss noch ein gigantisch leckeres Tapas-Essen, dann haben uns letzten Freitag unsere Gäste per Fähre verlassen, um als nächstes Gran Canaria zu erkunden. Gesegelt sind wir zwar nicht, aber die gemeinsame Woche war klasse. Das Problem mit Besuchen an Bord ist halt: für uns (und alle anderen Langfahrtsegler) ist es zwar ärgerlich, aber mittlerweile relativ normal, immer mal wieder ein technisches Problem zu haben und ein, zwei Wochen zu basteln, schließlich wird das Schiff extrem belastet. Für Besucher mit echten Segelambitionen heißt es dann bei zufällig falschem Timing leicht mal „dumm gelaufen“. Petra und Eric waren aber gewarnt und haben es uns und Fish anscheinend nicht übel genommen.

 

 

Die Gesamtstimmung in der Marina ist derweil gesellig bis leicht aufgekratzt. Alle tauschen sich aus über ihre Termine und Vorhaben und besprechen, wann man sich wo wieder treffen kann, nebenher wird an den Schiffen gebastelt. Viele Crews, die open end unterwegs sind, fliegen über die Feiertage nach Hause, wir dagegen bleiben hier, bereiten uns weiter auf den Start vor und kriegen ein letztes Mal Besuch: am Wochenende fliegen Heikos Eltern nach Fuerteventura, wo sie ein Hotel gebucht haben. Deshalb geht es für uns morgen (während die lieben Kölner sich von den heutigen Altweiber-Festivitäten erholen) und übermorgen weiter, in zwei Etappen bis nach Gran Tarajal. Wir sehnen uns nach schönen Segeltagen, doch werden wir leider den Motor mitlaufen lassen müssen, um herauszufinden, ob unsere Einspritzpumpe nun okay ist oder nicht. Wenn wir dann ankommen, wird die „Midnight Sun“ gerade die Leinen loswerfen und sich als erstes Schiff aus unserem Dunstkreis in die Karibik aufmachen, gefolgt von der „Sif“, die mit der November-Odyssey ablegt. Unsere Freunde von „Balou“, „Fenicia“  und „Aragorn“ (mit letzterer haben wir die Biskaya überquert) sind im Januar bei der zweiten Odyssey dabei und im Moment ernsthaft verstimmt, weil der Absprungort zunächst im Sommer von der Insel La Palma nach Gran Canaria verlegt wurde und diese Woche ganz spontan nach Teneriffa, da muss einiges entschieden und gegebenenfalls umgeplant werden. Inzwischen sind auch Britta und Jens mit der „Lili“ hier eingetroffen und überlegen, auf welchem Kurs es für sie weiter geht, die „Worlddancer“ werden morgen Arrecife erreichen. Eine spannende Zeit also, die mit zahlreichen geselligen Koch- und Restaurantrunden zelebriert wird. Zuletzt haben wir mit 18 Personen ein asiatisches Buffet okkupiert, als beeindruckend gefräßiger Heuschreckenschwarm. Wir genießen all die witzigen und oft internationalen Treffen, die anstehenden Abschiede verdrängen wir noch so gut es geht.

 

 

Petra und Eric
November 13th, 2015 at 1:09 pm

Hallo ihr Lieben,

unsere Taschen sind gepackt und am Nachmittag geht es zurück nach Köln. Wir haben uns sehr gefreut euch wieder zu sehen und auch ein paar der anderen Mitsegler kennen zu lernen.
Auch wenn es Urlaub am Meer und nicht auf dem Meer war, im Vordergrund stand die gemeinsame Zeit und diese haben wie genossen! Lanzarote hatten wir nicht wirklich auf unseren Urlaubsradar und wir waren positiv überrascht, was diese Insel zu bieten hat. Im direkten Vergleich zu Gran Canaria wird einem erst richtig bewußt, was César Manrique mit seinem Plan, nur die traditionelle Bauweise Lanzarotes zuzulassen, auf mehr als zweistöckige Bauwerke zu verzichten und sogar alle Werbeplakate von den Straßen der Insel zu entfernen, bewirkte…

Euch viel Spaß mit dem nächsten Besuch, und wir freuen uns auf das nächste Skypen.

Liebe Grüße E&P

Philipp
November 12th, 2015 at 3:14 pm

Ihr Lieben,
tolle Eindrücke, die wir hier mitlesen und -gucken dürfen. Tolle Farben. Ich fühle mich grad ein wenig in der Zeit zurückversetzt – s-w-Fernseher mit Timm Thaler-Filmen. Geniesst es weiter!
Philipp
(Auch schön: die Tour eines Opas mit seiner Enkeltochter: http://frank-rother-fotografie.jimdo.com/lanzarote-1/)

Ludger
November 12th, 2015 at 2:54 pm

Liebe Atlantik in Spe Querer,
habe neulich mal ein Steggespräch im Binnenland belauscht, da fragte der eine Segler den anderen, „na, warst Du schon mal auf der anderen Seite (des Ijsselmeers, Anm. der Redaktion)?“ So verschieben sich die Perspektiven des Seglers mit Erfahrung und Seemeilen und das geht wohl immer so weiter. Gebt rechtzeitig Bescheid, damit wir mit fiebern können, wenn ihr zum (für mich Ijsselmeerquerer) großen Schlag ansetzt. Herzliche Grüße vom Schreibtisch, Ludger

Barbara
November 11th, 2015 at 11:11 pm

Hallo ihr beiden,
na, bei dem Titel muss ich mich direkt mal einschalten – nur leider ein bisschen zu spät, da Eric und Petra schon weitergereist sind (rückwirkend liebe Grüße an euch)…
Bei dem genüsslichen Treiben der vergangenen Wochen steht dann doch plötzlicher als man denkt auf einmal der Abfahrtstag zur Überquerung vor der Tür. Jetzt weiß ich zwar, wann die ARC Starts sind aber viel wichtiger ist doch: Wann ist die ARFF (Atlantik Rally Flying Fish) oder die ACFF (Atlantik Crossing Flying Fish), also wann startet der Flying Fisch? Hab ihr euch schon eine Woche ausgeguckt? Dann zählen wir mit euch und sind mindestens genauso aufgeregt wie ihr. Und falls es noch genau 24 Tage sind, kauf‘ ich mir morgen einen Adventskalender…
Liebe Grüße
Barbara

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