Costa da Morte

Sich im galicischen La Coruña wohlzufühlen war ganz leicht: schon von unserem Liegeplatz im Real Club Nautico aus schauten wir auf die einladend lichten Fassaden und Veranden der Häuserzeilen aus dem 19. Jahrhundert, die uns von der Altstadt trennten und La Coruña den Beinamen „die Gläserne“ verschafft haben. Direkt dahinter öffnet sich der große Rathausplatz, von dem aus es in gemütliche schmale Gassen geht, die von Tapasbars, Cafés, Fischtavernen und von uns so genannten „Schweinebeinekneipen“ gesäumt sind. Immer wieder stößt man auf lauschige Plätze unter riesigen Platanen und malerische kleine Abteikirchen, die Stimmung ist gelassen und fröhlich. Und dann ist auch noch August. In diesem Monat feiert die Stadt mit Konzerten, Theater und Feuerwerk ihre Heldin Maria Pita (eine Fleischersfrau, die im Jahr 1588 bei der erfolgreichen Verteidigung La Coruñas besonders energisch gegen die bewaffneten Mannen von Sir Francis Drake vorging). Und feiern können sie hier! Passenderweise sind wir gerade in bester Fiesta-Gesellschaft. Zwar mussten wir uns am Montag schweren Herzens von unseren Biskaya-Superheldenkollegen verabschieden, die schon weiter gesegelt sind. Doch seit dem Abend ist endlich unsere Freundin Elke aus Hamburg an Bord, nachdem sie ewig bangen musste, ob wir es pünktlich nach Spanien schaffen. Und Elke mag, was wir mögen: klönend durch Städte schlendern, Architektur kommentieren, bei jeder Gelegenheit feste und flüssige, warme und kalte lokale Spezialitäten verkosten, spontan auf Rockkonzerten versumpfen… So war es nicht weiter schlimm, dass der Wind unsere Wünsche zunächst ignorierte und wir bis Donnerstag früh in La Coruña blieben.

 

 

Doch der Reihe nach: am Montag hatten Heiko und ich uns ein kleines Mietauto organisiert und uns auf den Weg in die Pilgermetropole Santiago de Compostela gemacht. Hier endet nach 800 Kilometern der Jakobsweg am Grab des gleichnamigen Apostels unter dem goldverzierten Hauptaltar der ebenfalls gleichnamigen Kathedrale. Entsprechend fällt im Stadtbild direkt eine Häufung von Kniebandagen und Rucksäcken auf. Die Stadt ist beeindruckend, eine perfekte Theaterkulisse aus Granit und – wenig überraschend – UNESCO-Weltkulturerbe. Wir kamen bei Regenwetter dort an, später klarte es auf, beides hatte seinen Charme. Im Gegensatz zu La Coruña wirkt aber Santiago deutlich künstlicher, ist ganz vom Tourismus geprägt: auf den Straßen viele Bettler und viele Souvenirverkäufer, auch vor fast jedem Restaurant wird man angesprochen. Und die Kathedrale selbst – wir hatten es uns ein wenig stiller darin vorgestellt, doch es tobt das pralle Leben. Eltern versuchen so lautstark wie vergeblich, Horden von Kindern zu bändigen, Menschen entleiben sich beinahe gegenseitig mit ihren Selfie-Sticks, Unterhaltungen finden mindestens in Zimmerlautstärke statt. Insofern, wir hätten für Euch gebetet, aber es war wirklich zu trubelig. Am Abend fuhren wir weiter nach Vigo, um am dortigen Aeropuerto die frisch eingeflogene Elke einzusammeln, und konnten von der Autobahn aus schon den ein oder anderen Blick auf die Rias erhaschen: uns erwartet noch Schönes! Doch erst mal ging es zurück ins wunderbare La Coruña.

 

 

Dort kam am Dienstag der Gutachter wegen der Schäden aus dem französischen Camaret-sur-Mer an Bord, wo Flying Fish am Steg von einer anderen Yacht gerammt wurde. Netter Mensch, aber er fand all die Beulen, Risse im Lack und verbogenen Teile gar nicht so schlimm, während uns der traurige Anblick ohne Ende nervt. Wie sich seine Einschätzung in Zahlen äußert, wissen wir noch nicht. Ohnehin haben wir schon wieder neue Probleme, unsere Serie hört leider einfach nicht auf. Am Donnerstag auf dem Weg von La Coruña nach Cormes hörten wir auf einmal hinter uns ein seltsames Geräusch und konnten gerade noch fassungslos zusehen, wie der gesamte Windgenerator-Mast vom Heck rückwärts ins Meer kippte. Alle drei Befestigungspunkte waren gebrochen, das ganze Konstrukt hing nur noch am Kabel und wurde hinter dem Schiff hergezogen. Zum Glück bei Flaute unter Motor, so dass wir schnell die Geschwindigkeit reduzieren konnten, zum Unglück bei chaotischen Riesenwellen bis zu vier Metern Höhe. Eine Weile versuchten wir, kopfüber über dem Heckkorb hängend, Mast und Generator mittels Leinen wieder aus dem Wasser zu kriegen, doch letztlich mussten wir mit dem Wantenschneider das Kabel kappen, um alles zu bergen. Wir hatten schon vor Wochen das Befestigungsset beim Hersteller Silentwind reklamiert, weil der angebliche Edelstahl munter rostete. Doch mit dem Angebot, uns ein neues Set zu schicken, konnten wir nichts anfangen, da wir zwei der Teile haben auf die Reling schweißen lassen. Außerdem handelte es sich laut deren Aussage nur um ein optisches Problem. Tja, nun ist der gesamte Generator hin und natürlich sind bei Silentwind gerade Betriebsferien, ein Rückruf steht noch aus.

 

 

Dennoch war der Abend total schön. Wir haben in der Bucht von Cormes geankert (was wegen Seegras erst im dritten Versuch gelang) und mit Elke unseren Relinggrill eingeweiht. Tolles Teil und leckeres Abendessen! Und am Freitag dann gab es endlich den erhofften perfekten Sonnensegeltag, der uns nach Muxía gebracht hat. Dort sind wir nun und freundlicherweise ist das ganze Wochenende lang Mercado das Rutas do Mar angesagt, eine Art Mittelalter-Fiesta mit tonnenweise Leckereien, Animación musical und lokalem Rot- und Weißwein, der aus Tonschalen getrunken wird und verdammt fein schmeckt. Hatte ich schon gesagt, dass die Menschen hier ziemlich gut feiern können?! Erwähnenswert sind die typischen Dudelsack-Kapellen, die auf keltische Tradition zurückgehen und so ein Fest ordentlich in Schwung bringen. Und die freundlichen Menschen: gleich gestern Nachmittag sind wir nach einem Rundgang über die wildromantische Landzunge, auf der Muxía liegt, am Tisch mit vier Galegos (Galiciern) gelandet, die sehr charmant darauf bestanden, dass wir an ihrem Asado und Wein teilhaben. Die Unterhaltung war holprig, denn die Galegos sprachen Galicisch, doch wir genossen die Gastfreundschaft und die Atmosphäre und revanchierten uns mit einem Haufen Churros (extrem leckerer Süßkram, nicht ganz kalorienfrei). Heute verbummelten wir einen perfekt faulen Sonnentag am Meer und morgen muss uns Elke leider schon wieder in Richtung Hamburg verlassen, die Zeit rast nur so bei guter Gesellschaft in schöner Umgebung. Das einzige, was wir der Costa da Morte bisher vorwerfen können, ist die weitgehende Abwesenheit von Internet. So wird dieser Blogbeitrag länger und länger und irgendwann werde ich ihn „Atlantikküste Spaniens und Portugals“ überschreiben können…

 

 

sunita
August 14th, 2015 at 9:48 pm

Das klingt toll! Und wie schon geschrieben wurde – Cies ist herrlich, das kann ich bestätigen. Nur um Ferrol müsst ihr einen Bogen machen, die Stadt habe ich in unfreundlicher und hässlicher Erinnerung. Grüsse vom kroatischen Meer!

Frank
August 11th, 2015 at 8:53 am

Schön dass es mit Elke noch geklappt hat!
Hört sich nach einer richtig schönen Ecke an, da wo ihr seid.
Wusstet ihr eigentlich, dass man nach Santiago de compostela zu Fuß geht !?1
Neblige Grüsse aus Köln

Rene
August 10th, 2015 at 8:53 pm

Oh, wie schön. Ich habt euch eine der schönsten Ecken in Spanien ausgesucht.Schaut euch auch den Hafen von Vigo und die „Islas Cies“ an. Wunderschön….

Rene
August 10th, 2015 at 8:56 pm

Oh, Vigo hattet ihr schon. 🙂 Egal… Ihr seid in einer traumhaften Gegend gelandet. Ratet mal, wo ich gerne Urlaub mache?

Ludger
August 10th, 2015 at 9:08 am

Hallo Ihr Lieben,
eingesteinter Heiko, Rotwein aus Kinderpinkelpötten und tolle Landschaften – schöne Bilder sendet ihr in die (Internetz.) Welt. Aus den weißen kleinen Schalen haben wir schon vor rund 30 Jahren den herben Weißen geschlürft. Ich erinnere mich gerne an die lauschige Atmosphäre und freue mich, dass es das trotz der vereinheitlichenden EG Regelungen für Weinverkostungsbehälter noch gibt. Wir hatten ein tolles Wochenende in der Vrijheid mit Carsten, Barbara und Tobias und haben (die Schiffsglocke muss geklingelt haben) natürlich auch über Euch und Eure Fahrt geplaudert.
Gute Winde für Eure nächsten Schläge wünscht Euch vom Schreibtisch am verregneten Montag Morgen Ludger

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