Ein letzter Blick im Vorbeifahren auf die malerische Kasbah von Rabat, dann geht es raus auf den Ozean. Die Wellen sind schon da, der Wind lässt bis zum Nachmittag auf sich warten und als er einsetzt, genau von achtern natürlich, passt beides nicht zusammen: Die Segel schlagen, das Schiff wird gnadenlos hin und her geworfen, ein Höllenlärm und nur um die vier Knoten Fahrt, so geht es durch die erste Nacht. Segeln kann wirklich furchtbar sein. Erst als die Sonne wieder aufgeht, ändern wir unsere Strategie, bergen das Klüversegel, binden das zweite Reff ins Groß und erstmals kommt unser neues Zaubersegel zum Einsatz, der Parasailor. Dessen Premiere wollten wir eigentlich bei einfacheren Bedingungen zelebrieren, doch nun befeuert unsere Genervtheit die Experimentierfreude und die Entscheidung ist goldrichtig: Ein wenig Getüftel, dann endlich beginnt Flying Fish zu fliegen, statt des Schiffs geigt nur noch das 120 m² große Tuch hin und her, wir segeln viel ruhiger und mit um die sieben Knoten Speed. Nacht Nummer zwei wird besser als die vorherige und so können wir es doch noch schaffen, an Tag drei bei Tageslicht in Agadir anzukommen! Und tatsächlich, eine Stunde vor Sonnenuntergang laufen wir in die Marina ein. Der Hafenmeister empfängt uns herzlich und nimmt unsere Leinen an. Kurz darauf kommen die ebenso freundlichen Vertreter von Customs, Immigration und Police an Bord. Überraschung, diesmal werden wir nicht durchsucht, sondern nur befragt! Die Marina selbst hat ihre besten Tage schon länger hinter sich, der Lack ist ab, die Steganlage marode und die Duschen sind Duschen des Grauens, dennoch fühlen wir uns hier sofort wohl. Ein paar Tage gehen ins Land, bis Schiff und Crew wieder grundgereinigt und salonfähig sind (insbesondere bei Heiko hat sich ein solcher Handlungsbedarf angestaut, dass Profis ranmüssen und er bereitwillig ein paar Stündchen auf der Beautyfarm nebenan verbringt, von wo mich lustige Fotos erreichen). Dann endlich startet die Stadterkundung.
Agadir ist anders als alle marokkanischen Städte, die wir bisher besucht haben. Als im Februar 1960 die Erde 15 Sekunden lang bebte, wurde es vollkommen zerstört, kein Stein blieb auf dem anderen und 15.000 Menschen verloren ihr Leben. Danach wurde die Stadt vollkommen neu gebaut, weshalb das heutige Stadtbild überwiegend modern ist. Herzstück sind der breite, schier endlose Strand, der direkt südlich der Marina beginnt, und die Promenade, wo sich ebenso endlos Cafés, Restaurants und Hotels aneinanderreihen – ein Paradies für die sonnenhungrigen Pauschaltouristen, auf die hier alles ausgerichtet ist. Wir vermissen den Ruf der Muezzins, an den wir uns so gewöhnt hatten – hier ist er verboten, damit die Menschen in Ruhe urlauben können. Auch einen verwinkelten Souk für Einkäufe gibt es nicht, stattdessen nur ein überdachtes Markt-Areal ohne übertriebenen Charme. Gleich hinter Marina und Industriehafen erhebt sich markant ein steiler Hügel mit einem riesigen arabischen Schriftzug an seiner Flanke, der nachts angestrahlt wird: „Gott, Vaterland, König“ bedeutet er und ist das offizielle Staatsmotto des Königreichs. Oberhalb befindet sich die Kasbah Oufella, ursprünglich aus dem 16. Jahrhundert, eine moderne Seilbahn bringt uns hinauf. Bis zum großen Beben gab es hier Wohnviertel, eine Moschee, ein Krankenhaus und ein jüdisches Viertel mit Tempel, Gassen und Verwaltung. Nur Teile der Mauern und das Eingangstor blieben von alldem erhalten. Heute ist die historische Festung ein bedeutender Erinnerungsort und Aussichtspunkt, nach einer umfassenden Restaurierung seit Februar 2024 wieder für Besucher geöffnet. Von oben sehen wir die beeindruckenden Ausmaße Agadirs und werfen einen ersten Blick auf das karge Hinterland. Nachdem wir deutlich weniger Häfen angesteuert haben als ursprünglich mal gedacht, wollen wir unbedingt mehr von Marokko sehen, bevor wir auf die Kanaren segeln. Ab morgen haben wir für zehn Tage einen Mietwagen und werden eine Rundtour durch den Süden unternehmen, samt vier Tagen Wüsten-Wanderung. Danach melden wir uns mit frischen Land-Abenteuern! Doch zunächst geht gleich für Segelinteressierte noch ein Extra-Blogbeitrag zum Thema Parasailor online…
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Jetzt kann ich es nur auf Basis eurer Fotos beurteilen, aber für mich hatten eure vorherigen Stops deutlich mehr Charme als Agadir. Schade wenn alles dem Tourismus untergeordnet wird und damit Teile der einheimischen Kultur verdrängt werden.
Dafür bin ich mal wieder beeindruckt von eurem Equipment und auch eurem Einfallsreichtum und Enthusiasmus, wenn es darum geht Lösungen zu finden. Chapeau! Bis eben hatte ich noch nie etwas von einem Parasailor gehört, macht auf jeden Fall mächtig was her, nicht nur durch die tolle rote Signalfarbe. Bin gespannt auf weitere Einsätze und mir sicher, ihr werdet das Handling spielend meistern. Ich wünsche euch eine tolle Erkundungstour und viele interessante Begegnungen.