Oh, é tão lindo

Was für eine fantastische Stadt! Während Flying Fish sicher in der Marina von Oeiras festgebunden bleibt, nehmen wir Tag für Tag die Bahn, die uns in 22 Minuten zum Cais do Sodré bringt, direkt ins Zentrum Lissabons, von wo aus wir unsere Erkundungstouren starten. Nicht immer allein diesmal, denn unsere Kölner (bzw. auch Dormagener, Bingener, Bensberger, Nettetaler) Segelfreunde haben uns zum Abschied ein „Withlocals“-Budget geschenkt, das sich hier perfekt einlösen lässt. So sind wir zunächst mit Profi-Fotograf Pedro in der Alfama unterwegs. Jeden Stein und jede Ecke des ältesten Viertels der Stadt kennt der sympathische Guide, und während wir gemeinsam die engen, verwinkelten Gassen erkunden, plaudern wir über mehr oder weniger lohnende Motive, über Belichtungen und Bildausschnitte, probieren aus und vergleichen die Ergebnisse – ein großes Vergnügen und viele gute Anregungen. Zwei Tage später (in der Zwischenzeit ist Frank aus Köln eingeflogen und schließt sich uns und der Tour an) zeigt uns Guide David einige „hidden gems“ im Zentrum der Stadt. Wir bekommen verwunschene Orte zu sehen und solche mit geschichtlicher Bedeutung, probieren den traditionellen Sauerkirschlikör Ginjinha und lernen, uns über versteckte Aufzüge und Rolltreppen bequem durch die hügelige Stadt zu bewegen. Was für ein Luxus, einmal nicht selbst verantwortlich zu sein und einfach nur zu staunen. Danke, liebe Segler, für dieses tolle Geschenk!

Natürlich haben wir auch die großen, bekannten Wahrzeichen erneut gewürdigt, sind ausgiebig am Tejo entlang geschlendert und mehr als einmal eingekehrt in die Casa Pastéis de Belém, wo die Blätterteigtörtchen mit der cremigen Eigelb-Füllung so maximal köstlich schmecken. Ebenfalls auf der Wiederholungs-Wunschliste: der all die Jahre unvergessene Fado-Abend. Wie damals gehen wir ins urig-rustikale „A Tasca do Chico“, freuen uns, dass wir mit Glück und etwas Hartnäckigkeit einen Platz ergattern. Doch diesmal will der Funke irgendwie nicht überspringen: Ein älterer Herr singt und es wirkt halbherzig, eine jüngere Frau tritt auf und lässt uns seltsam kalt. Wir beschließen zu gehen, manche Erinnerung kann man nicht so einfach wiederbeleben. Da wird auf einmal hinter uns mit Fernsehkameras hantiert. Der Schweizer Sender SRF dreht den vierten und letzten Teil von „Stubete around the world“ – Schweizer Volksmusik trifft auf internationale Klänge. Diesmal musizieren zwei Schwyzerörgeli-Spieler des Ländlertrio Augenschmaus (ja, sie nennen sich wirklich so) gemeinsam mit drei Größen des portugiesischen Fado: Jorge Fernando, Custódio Castelo und Fábia Rebordão sind in the house. Gebannt hören wir zu, wie die beiden Stilrichtungen nach und nach in einen Dialog treten. Erst klingt es vorsichtig, tastend, dann immer ausgelassener und intensiver. Da ist er, der Zauber! „Oh, é tão lindo“ singt die Fadista mit der unglaublichen Stimme, „es ist so schön, es ist so schön“. Da wissen wir kurz nicht, ob wir weinen oder lachen sollen. Als einzige deutschsprachige Gäste werden wir im Anschluss vom Fernsehteam gebeten, noch ein Interview zu geben, und das mit dem Kopf voll unwirklicher Musik (und, zugegeben, auch einigem Vinho Verde). Zur richtigen Zeit am richtigen Ort, es ist so schön…

Hier eine kleine Video-Kostprobe, leider mit mäßiger Tonqualität.

Nach den wuseligen City-Tagen kommt allmählich wieder Segel-Sehnsucht auf, vor einer Woche haben wir in Oeiras zu dritt die Leinen losgeworfen. Seitdem: Neuland, letztes Mal sind wir hier gen Madeira abgebogen! Vier sehr unterschiedliche portugiesische Orte durften wir seitdem kennenlernen. Zunächst Sesimbra, noch nahe der Hauptstadt, bunt und voll, am Strand sieht man vor lauter Sonnenschirmen den Sand kaum. Vom Ankerplatz aus wirkt der Ort nicht überwältigend, doch ist man erstmal mittendrin, entfaltet er einigen Charme! Sines dagegen, Geburtsort des Indienfahrers Vasco da Gama, wird heute dominiert von Hafenanlagen und Industrie, die Reste der Vergangenheit muss man suchen. Aber die View über die Bucht und den Fischerhafen gefällt durchaus. Der nächste Schlag ist über 60 Meilen lang und führt uns um das Cabo de São Vicente, den südwestlichen Zipfel Portugals. Es weht weniger Wind als vorhergesagt, zum Glück können wir trotzdem einen Großteil der Strecke segeln. Der Anker fällt schließlich vor Sagres. Dieser etwas gesichtslose Ort punktet mit einem Gefühl von Ende der Welt und lässiger Atmosphäre: Da es hier meist heftig weht, ist das Publikum jung und will surfen, entsprechend cool und angenehm sind Gastro und Shops. Weiter geht es auf Halbwindkurs nach Lagos, einer der ältesten Orte der Algarve. Was für ein Kontrast: Die kleine historische Altstadt mit den engen Gassen und weißgetünchten Häusern ist bezaubernd – und platzt jetzt, in der Hauptsaison, aus allen Nähten. Frank hat uns hier am Montag gen Heimat verlassen und wir sind gestern aus dem Trubel und der teuren Marina geflohen, ankern jetzt vor Ponta da Piedade, der markanten Fels- und Grottenlandschaft westlich des Ortes, die wir bereits per Kajak erkundet haben – und staunen immer noch über den Andrang.

Svenja
Juli 22nd, 2026 at 8:55 p.m.

Ich stimme mit ein, oh, é tão lindo! Das ist ein super Motivationsschub für mich, endlich meinen Wunsch umzusetzen, mir Lissabon anzusehen. Euch weiterhin viele tolle Erlebnisse in Portugal, da liegt ja noch ein gutes Stück Küste vor euch.

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