Tanja

Nur gute vier Stunden auf See und schon in einer anderen Welt! Wir sind aufgeregt und voll gespannter Vorfreude, als wir in die weite Bucht von Tanger einlaufen, die an ein riesiges Amphitheater erinnert mit ihrem halbrunden Hügel, an den sich dicht gedrängt meist weiß getünchte Häuser schmiegen. Über das Wasser schallt der Ruf des Muezzin zu uns herüber und in der Ferne, am Stadtstrand, schlurfen ein paar Kamele durch den Sand. Nachdem wir uns über Kanal 11 bei der Tanja Marina Bay International angemeldet haben, dürfen wir deren arrival pontoon ansteuern, direkt nach uns funkt auch der Skipper eines französischen Katamarans. „Proceed after the flying vessel“, wird dieser angewiesen, allzu genau scheinen sie es mit den Details nicht zu nehmen. Hoffen wir. Kaum ist das fliegende Schiff festgemacht, holt ein freundlicher Mitarbeiter uns ab, in seinem Büro legen wir unsere Pässe und Bootspapiere vor und füllen einen Haufen Formulare aus mit immer denselben Daten. Dann heißt es warten auf die Bootskontrolle durch den Zoll, ein Vorgang, zu dem wahre Horrorgeschichten kursieren. Doch es kommen nicht die befürchteten zehn Mann in schweren Stiefeln nebst Drogenhund, stattdessen drei wortkarge Gesellen, die sehr ernst dreinschauen, wahllos ein paar Schapps und Bodenbretter öffnen, unsere Weinvorräte schweigend tolerieren und wieder gehen. Die Behörden stolpern letztlich nur über unsere Berufsbezeichnungen (weshalb wir künftig Teacher sein werden und nicht mehr Consultants) und die Tatsache, dass Flying Fish kein Serienschiff, sondern ein Unikat ist. Beides wird nach ein paar Nachfragen durch einen hin und her eilenden Boten hingenommen. Bis wir die Stempel im Pass haben und zu unserem Platz in der Marina verlegen dürfen, dauert es insgesamt zwei Stunden. Und die bekommen wir direkt zurückerstattet, in Marokko ist es zwei Stunden früher als in Spanien.

Von der Marina aus lässt sich Tanger perfekt zu Fuß erkunden. Immer wieder zieht es uns in die Medina, die verwinkelte Altstadt mit ihren steilen Gassen, wo sich Geschäfte, Wechselstuben, Wohnhäuser, Cafés und Souks aneinanderreihen, das Publikum bunt gemischt und die Stimmung freundlich und geschäftig ist. In den kleinen Marktvierteln gibt es alles: Gewürze, Obst, Gemüse, Fleisch, Teppiche, Stoffe, Kleidung und Babouches, außerdem Lederwaren, Lampen, Keramik, Schmuck und Kunsthandwerk, Dienstleistungen natürlich ebenfalls. Es ist bunt und lebendig, es duftet, riecht und stinkt, eine fantastische Reizüberflutung für alle Sinne. Am höchsten Punkt der Medina geht es ruhiger zu, hier befindet sich die Kasbah, die historische Festung, abgetrennt durch eine Stadtmauer mit imposanten Eingangstoren. Sie entstand in ihren Grundzügen etwa im 10. Jahrhundert und zwischen ihren Mauern, Bastionen und Kanonenplattformen ist der Blick auf die Straße von Gibraltar ein Genuss. Auch auf dem zentralen Platz, dem Grand Socco, lässt sich herrlich entspannen und beobachten, er bildet zugleich den Übergang zur Ville Nouvelle mit ihren Art-déco- und Jugendstilfassaden. Wir mögen den morbiden Charme der Stadt, die unterschiedlichen Einflüsse in der Architektur, den Sprachenmix aus Marokkanisch-Arabisch, Spanisch und Französisch, die vielseitige Café-Kultur und auch die vielerorts zu entdeckenden Verweise auf die Zeit zwischen 1925 und 1956, als Tanger eine Internationale Zone war und dadurch ein Treffpunkt für Reiche und Schöne, Aussteiger, Künstler und Intellektuelle.

Um auch etwas vom Umland zu sehen, mieten wir uns – recht unkompliziert – für zwei Tage ein schrottiges kleines Auto. Nachdem die wichtigsten Geschwindigkeits- und sonstigen Regeln geklärt sind (Wer eine Ziege überfährt, muss sie bezahlen!), zieht es uns zunächst zum nordwestlichsten Punkt Afrikas, dem nahen Cap Spartel. Hier fließen Mittelmeer und Atlantik zusammen, ein beliebtes Ausflugsziel mit herrlicher View Richtung Spanien. Ebenfalls Touri-Pflichtprogramm sind die nahegelegenen Grottes d’Hercules. Wir stehen eine Weile an und betreten schließlich die große, luftige Höhle mit ihrer Öffnung meerwärts, die an den Umriss Afrikas erinnert. Eigentlich ein schöner Ort, aber leider für unseren Geschmack ziemlich verhunzt mit kitschigen Sound- und Lichteffekten. Doch eindeutig sind hier wir die Exoten, die meisten anderen Besucher wirken entzückt. Mehr Frieden und Entspanntheit finden wir im kleinen Küstenort Asilah, unserem letzten Tagesziel. Die Medina ist ein Schmuckstück, voller schöner Details, Wandmalereien und gemütlichen Cafés mit köstlichem Gebäck. Die meisten Flaneure scheinen marokkanische Familien zu sein, Touri-Großgruppen gibt es hier nicht, zumindest nicht um diese Jahreszeit. Wir lassen uns treiben, bummeln auch noch ein wenig über die geschäftige Marktstraße nebenan, außerhalb der Stadtmauern. Dann machen wir uns zufrieden auf den Rückweg nach Tanger.

Der zweite Ausflugstag führt uns 115 Kilometer landeinwärts ins Rif-Gebirge. Satte zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt, wegen der kurvenreichen Strecke und der geschätzt zehn bis zwölf Polizeikontrollen, die mit Schrittgeschwindigkeit zu passieren sind. Freundlicherweise werden wir immer wie selbstverständlich durchgewunken. Am Ziel liegt auf etwa 600 Metern Höhe der Ort Chefchaouen, bekannt als die „Blaue Stadt“. Durch die sozialen Medien ist sie mittlerweile weltweit berühmt geworden und entsprechend gut besucht, ein absoluter Hotspot für posierende Influencer. Als wir die Medina betreten, sind wir erstmal abgeschreckt vom Trubel, den Souvenir-Ständen und den Schleppern vor den Restaurants. Doch je weiter wir uns vom zentralen Place Outa el Hammam entfernen, desto mehr verläuft sich die Menge. Wir folgen nicht dem vorgeschlagenen Rundweg, sondern lassen uns kreuz und quer durch das Labyrinth der Gassen treiben. Und schon lässt es sich prima genießen, dieses außergewöhnliche Spektakel für die Augen. Wir sind umgeben von Indigo, Kobalt und Türkis, noch der kleinste Durchgang zwischen Häusern trägt blaue Farbe. Bunte Teppiche und Textilien liefern unwiderstehliche Kontraste und überall räkeln sich fotogen Katzen und Hunde, als bekämen sie dafür Gage. Im Zentrum befindet sich die – nicht blaue – Kasbah von 1471, deren Mauern einen hübschen Garten umrahmen. Vom Turm der historischen Festung aus bietet sich zum Abschluss unseres Besuchs noch ein richtig schöner Blick auf die Bergstadt.

Wir hatten also einen super Start auf dem Afrikanischen Kontinent. Und wären wir auf der Suche nach einem Überwinterungsort, wäre Tanger ein heißer Kandidat. Stattdessen aber geht es morgen bereits weiter: Wir segeln durch die Nacht und wollen Donnerstagnachmittag, bei auflaufendem Wasser, die Hauptstadt Rabat erreichen. Den ursprünglichen Plan, die Küste in gemütlichen Tagesetappen zu bereisen, haben wir nach der Törnguide-Lektüre schnell aufgegeben. Denn man muss an jedem einzelnen Ort ein- und wieder ausklarieren, wofür die Behördenvertreter teils eigens langwierig aus der nächsten größeren Stadt anreisen. Und Segler sind längst nicht überall willkommen. Also wünscht uns einfach wenig Fischerboote unterwegs! Oder zumindest keine ohne Licht!!


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