Nachtfahrt vor der marokkanischen Küste ist kein Geschenk. Bei unserem Start in Tanger freuen wir uns noch, dass nicht die üblichen Unmengen kleiner Boote unterwegs sind. Das ist wahrscheinlich dem Wind geschuldet, der böig und ungemütlich zwischen fünf und acht Beaufort wechselt. Doch später, als es ruhiger wird und dunkel, tauchen immer mehr Lichter auf um uns herum. Der Mond ist nur eine schmale Sichel und somit keine Hilfe, wir lassen die ganze Zeit das Radar laufen, so dass wir zumindest die größeren Fischerboote und ihren Kurs leichter im Blick behalten können. Über Netze, Bojen und andere Hindernisse, die wir vielleicht gerade nur ganz knapp verfehlen, denken wir lieber nicht nach. Zwei Stunden früher als gewünscht erreichen wir die Einfahrt nach Rabat, das Wasser ist zwar bereits auflaufend, hat aber die halbe Tide noch nicht erreicht. Wir fragen beim Hafenmeister nach, ob wir mit unserem Tiefgang schon in den Fluss hinein können. Sollte passen, meint der, einfach immer in der Mitte des Fahrwassers bleiben. In Schleichfahrt tasten wir uns vor – bis nach vielen kleinen eine große Welle von achtern kommt und uns mit siebeneinhalb Knoten in den Bouregreg hineinspült. Nach einer Meile flussaufwärts werden wir am arrival pontoon erwartet und absolvieren die üblichen Formalitäten. Eine Stunde diesmal für den Papierkram und wieder kommen drei Mann an Bord zwecks Kontrolle. Diese sind ein wenig ambitionierter als der Trupp in Tanger, einer zerrt ruppig an unseren Polstern herum, ein anderer steckt seine neugierige Nase in unseren gigantischen Schmutzwäschesack. Aber nur ganz kurz. Dann endlich können wir in der Marina festmachen. Der erste Steg, erfahren wir, darf nicht betreten werden, er ist dem Spielzeug des Königs vorbehalten. Sechs unterschiedliche Motorboote liegen dort, dazwischen jeweils ein freier Liegeplatz. Am zweiten Steg findet sich die perfekte Lücke für uns. Angekommen in Rabat!
Seit 1956 ist Rabat die Hauptstadt des unabhängigen Marokko. Von Flying Fishs Heck aus fällt der Blick über den Bouregreg direkt auf ihr Wahrzeichen, den Hassan-Turm. Er ist der untere Teil eines Minaretts, das einst zum Zentrum der größten Moschee des Landes werden sollte, bis im Jahr 1199 die Bauarbeiten eingestellt wurden. Um hinüber zu gelangen, können wir entweder die nahe Straßenbahn nutzen oder – und das ist viel charmanter – uns in einem der permanent pendelnden kleinen Holzboote auf die andere Seite des Flusses rudern lassen. So erkunden wir nach und nach die Medina mit ihren Souks, bummeln entlang der Cafés an der Corniche, besuchen die etwas arg zurechtgemachte Kasbah des Oudayas, von der aus man einen schönen Blick auf den Atlantik hat. Doch die Stadt bietet neben dem Traditionellen auch viel Modernes: Die Ausstellung im Musée Mohammed VI d’Art Moderne et Contemporain begeistert uns (obwohl wir in den heruntergekühlten Räumen beinahe erfrieren) und besonders angetan hat es uns das Grand Théâtre de Rabat, eines der letzten großen Projekte der fantastischen Architektin Zaha Hadid. Fließend und organisch fügt sich das Gebäude in die Flusslandschaft. Als wir uns nähern, schwärmt sofort eine Horde uniformierter Aufpasser aus und informiert uns, dass man nur im Rahmen von Veranstaltungen näher herandarf. Die nächste Veranstaltung, ein Sinfoniekonzert, ist drei Tage später – und es gibt noch Karten! So können wir doch noch das wunderschön gestaltete Foyer mit seinen geschwungenen Betonbändern bewundern und die kristallinen Formen im großen Saal, die dazu einen erstaunlichen Kontrast bilden. Sie sind inspiriert von traditionellen marokkanischen Stuckgewölben, tragischerweise aber ist unsere erste Assoziation Teslas entsetzlicher Cybertruck… Und das Konzert? Das Orchestre Symphonique Royal spielt hinreißend, die Akustik ist toll. Wir wundern uns bloß über das Publikum: Manche fläzen sich quer in den Sesseln, es werden Nüsschen geknabbert und am Schluss ist deutlich zu merken, dass die Musiker sich mehr Applaus gewünscht hätten.
Von Rabat aus lässt sich mit der Bahn in drei Stunden die Königsstadt Fès erreichen, die älteste Stadt Marokkos, so buchen wir für zwei Nächte ein Zimmer in einem Riad in der dortigen Medina. Sie ist die mit Abstand schönste, die wir bisher gesehen haben! Umgeben von einer gewaltigen Stadtmauer mit dreizehn unterschiedlich prächtigen Toren besteht sie aus einem Gewirr von Gassen, Plätzen, Souks, Moscheen, Koranschulen und Wohngebäuden. Stundenlang sind wir hier unterwegs, verfeinern dabei unsere Strategie, die selbst ernannten Guides wieder loszuwerden, die uns immer wieder zurück zur Hauptgeschäftsstraße geleiten möchten. Wir aber verlaufen uns hier gern und absichtlich, wollen einfach nur dieses Labyrinth und seine Atmosphäre auf uns wirken lassen. Natürlich besuchen wir auch die berühmten Tanneries von Fès, wo Tierhäute traditionell mit Vogelmist gegerbt werden. Von der Terrasse eines Ledergeschäfts aus blicken wir auf die Gerbebecken hinab, sehen die Arbeiter ihrem gesundheitsgefährdenden Handwerk nachgehen, das meist Familientradition ist. Es stinkt bestialisch, weshalb alle Touristen fürsorglich einen Zweig Minze gereicht bekommen. Wir lassen uns erklären, wie die Häute gekalkt, gewässert und in Lauge weich getreten werden, wie man sie färbt und trocknet. Hochinteressant ist das und sehr fotogen, und unser Obolus unterstützt die Menschen, die hier tätig sind. Wirklich wohl fühlen wir uns dennoch nicht in unserer Rolle. Deutlich angenehmer ist die auf der Place Seffarine, dem Platz der Kesselschmiede, wo von früh bis spät gehämmert wird und die Handwerker um Zuschauer buhlen. Oder im Färberviertel, dem Quartier des Teinturiers, das man daran erkennt, dass gefärbte Wolle auf langen Hölzern über der Straße trocknet. Für etwas Abstand vom Trubel besuchen wir schließlich noch das Musée Dar Batha: In einem alten Wesirspalast, der allein schon sehenswert ist, wird marokkanisches Kunsthandwerk gezeigt, eine informative und richtig gut kuratierte Ausstellung. Alles in allem: ein toller, lohnender Ausflug.
Und schon geht es weiter: Morgen Vormittag werden wir Diesel tanken und uns dann gespannt dem Ausklarier-Prozedere hingeben. Die Windvorhersage sieht ganz gut aus. Sollte sich der Wind daran halten, kommen wir irgendwann am Sonntag in Agadir an. Falls er zu schwach weht, um in den leider ebenfalls angekündigten ungemütlichen Wellen zu segeln, fahren wir eventuell nochmal links ran. Stay tuned!
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